Momentaufnahme - Märkte

Sind Gewinne mittlerweile überflüssig?

Die Zahl börsennotierter US-Unternehmen, die Verluste machen, nähert sich einem Rekordniveau. Wir fragen unsere Experten Frank Thormann und Nils Rode, was dies für die Anleger bedeutet.

01.08.2019

Andrew Lacey

Andrew Lacey

Investment-Redakteur

Einer neuen Studie zufolge nähert sich die Anzahl an defizitären Unternehmen, die an der US-Börse notieren, einem 30-Jahres-Hoch.

Tatsächlich verzeichnet das durchschnittliche Unternehmen, das einen Börsengang (IPO für Initial Public Offering) durchläuft, mittlerweile Verluste.

Am überraschendsten dürfte jedoch sein, dass defizitäre Unternehmen den Markt seit Jahresbeginn um rund 9 % übertroffen haben (Stand Mitte Juni 2019). Historisch gesehen, blieben sie im Durchschnitt ähnlich weit hinter ihm zurück.

Bedeutet dies, dass rentable Unternehmen keine guten Anlagen mehr sind?

Fondsmanager Frank Thormann glaubt nicht, dass die fundamentale Stärke eines Unternehmens durch die jüngste Wertentwicklung beeinträchtigt wird. Er sieht aber auch, dass eine neue Art von Unternehmen den Blick auf die Aktien verändert hat, für die Anleger sich entscheiden:

Ich bin fest davon überzeugt, dass das Erzielen von liquiden Mitteln ein Indiz für ein starkes Geschäftsmodell und robuste Wettbewerbsvorteile ist. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass sich diese Unternehmen über einen längeren Zeitraum besser als der Markt entwickeln. Ich gehe nicht davon aus, dass sich die Situation dauerhaft geändert hat. Für mich handelt es sich hier um ein ungewöhnliches Umfeld, und der Markt wendet sich einer anderen Art von Unternehmen zu. Gleichzeitig gilt es zu beachten, dass die Rückkehr zum Mittelwert eine immense Kraft darstellt. Die Stimmung könnte sich rasch zugunsten rentabler Unternehmen mit positiven Nettomittelzuflüssen ändern.

Prozentsatz der Börsengänge von Unternehmen mit negativen Gewinnen von 1990 bis Ende des ersten Quartals 2019

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Quelle: Empirical Research Partners Analysis

US-Börsengänge: Betriebsgewinne von 1991 bis Ende des ersten Quartals 2019

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Quelle: Empirical Research Partners Analysis

Der Private Equity-Experte Schroder Adveq ist seit 1997 an Börsengängen beteiligt, und Chief Investment Officer Nils Rode glaubt, dass gutes Kapital in diese Spätphasen-Transaktionen bzw. die Transaktionen vor dem Börsengang involviert ist.

Bei Spätphasen-Transaktionen wird kurz vor dem Börsengang ein Teil der Unternehmensanteile von privaten Anlegern erworben (z. B. von Private-Equity-Anlegern oder Hedgefonds, sprich Investmentfonds mit einer besonderen Vielfalt von Anlageformen und -strategien).

Die Begeisterung der Anleger für solche Transaktionen hat in den vergangenen Jahren zu einem starken Anstieg bei Spätphasen-Bewertungen geführt. Nils Rode glaubt, dass zwar viele Unternehmen eine solch hohe Bewertung verdienen, aber nicht alle:

Für einige der am schnellsten wachsenden Unternehmen ist es normal, dass die Ausgaben höher als die Einnahmen sind. Dafür gibt es zwei Gründe: Sehr erfolgreiche Unternehmen mit großem Aufwärtspotenzial haben kein Problem damit, große Kapitalmengen zu beschaffen, um ihre negativen Nettomittelzuflüsse (sprich Verluste) zu decken. Solche Unternehmen sollten schnellstmöglich wachsen, um sich in allen Regionen und in ähnlichen Produktkategorien Marktanteile zu sichern. Dies schützt vor der Konkurrenz, erfordert jedoch auch, dass die Unternehmen Investitionen in das Wachstum tätigen, anstatt sich auf Rentabilität zu konzentrieren. Je nach Geschäftsmodell kann eine große Reichweite entscheidend für den Erfolg sein. Sie erfordert jedoch auch starkes Wachstum, auch wenn dies für einige Zeit mit Verlusten einhergeht. Dennoch besteht immer die Möglichkeit, dass einige Unternehmen zu viel Kapital verbrennen, insbesondere in Branchen, in denen ein erheblicher Teil des Anlegerkapitals in Marketing oder Werbung oder sogar in die Subventionierung von Produktpreisen fließt.

Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von dem Autor und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar.