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Streben Sie nach „finanzieller Unabhängigkeit, um frühzeitig in den Ruhestand zu gehen“ (FIRE, Financial Independence Retire Early): Ist das möglich?


Ab welchem Alter planen Sie, in den Ruhestand zu gehen?

Für viele ist die Standardantwort: „Irgendwann in meinen 60ern oder noch später“.

Die Analyse von Schroders zeigt, dass Sie, wenn Sie im Alter von 20 Jahren mit dem Sparen für Ihren Ruhestand beginnen, 40 Jahre lang zwischen 12 % und 15 % Ihres Gehalts sparen müssen, um mit 50 % Ihres Gehalts in Rente zu gehen.

Aber es gibt eine wachsende Gruppe von Menschen, die stärker sparen möchte, um viel früher in den Ruhestand zu gehen.

FIRE, die Abkürzung für „Financial Independence, Retire Early (Übersetzt: Finanzielle Unabhängigkeit, frühzeitiger Ruhestand)“ ist eine Lebensweise, die Anhänger anzieht wie Motten das Licht.

Die Idee ist es, während Ihrer Arbeitsjahre so sparsam zu leben, dass Sie etwa 50–80 % ihres Gehalts sparen können.

Die einfache Theorie besagt, dass man sich durch frühe große Opfer seine spätere Freiheit erkauft – was bedeutet, dass man in einem jüngeren Alter aufhören kann zu verdienen.

Für viele Anhänger geht es bei FIRE sowohl um eine Lebensweise als auch um Geld. Das Ziel, so früh wie möglich mit dem Sparen zu beginnen, ist mit dem Bestreben verbunden, einer sinnvolleren Tätigkeit nachzugehen als einem regulären – aber möglicherweise nicht erfüllenden – 8-Stunden-Arbeitsalltag.

Wie gut ist FIRE jedoch umsetzbar? Ist es für alle Einkommensschichten erreichbar? Und können FIRE-Sparer Pläne schmieden, die robust genug sind, um Schocks in der Wirtschaft und den Märkten zu überstehen, die durch verheerende Ereignisse wie die Covid-19-Pandemie ausgelöst werden?

Wo hat die FIRE-Bewegung ihren Ursprung?

Die Bewegung begann in den 1990er Jahren und hat in den folgenden Jahrzehnten eine Basis an Unterstützern aufgebaut. Es gibt eine Reihe wichtiger Blogger und Websites, die für FIRE werben und dies sowohl als persönliche Finanzstrategie als auch zur Förderung einer einfacheren Lebensweise präsentieren, die den Konsum senkt und den Planeten rettet.

Ein wichtiger Teil der FIRE-Bewegung sind die Formeln, die Anlegern zeigen, wie viel Kapital sie möglicherweise ansparen müssen, um für den Rest ihres Lebens ein ausreichendes Einkommen zu erzielen.

Eine der bekannteren Formeln ist beispielsweise die „4-%-Regel“. Wenn Sie von einer durschnittlichen Anlagerendite von 7 % und einer Inflationsrate von 3 % ausgehen, prognostiziert diese „Regel“, dass es Ruheständlern möglich sein sollte, jährlich auf 4 % Ihres Anlageportfolios zuzugreifen.

Natürlich basiert diese Formel auf einer Reihe von Annahmen, die auf die historische Wertentwicklung der Aktienmärkte zurückgehen. Was auf der Grundlage früherer Marktrenditen möglicherweise funktioniert hat, wird in Zukunft nicht unbedingt garantiert.

Die 4-%-Regel verlangt den Sparern auch einiges ab. Sie müssen mindestens das 25-fache Ihrer aktuellen jährlichen Ausgaben zurücklegen. Wie wahrscheinlich ist das? Wir werden dies weiter unten genauer untersuchen.

Die Finanzkrise soll dazu beigetragen haben, dass FIRE mehr Aufmerksamkeit erfährt. Die Angst und Unsicherheit, die in den Jahren nach der Krise herrschte, ließ die Generation der Millennials ängstlich in die Zukunft blicken. Als Reaktion darauf gab es einen verstärkten Fokus auf das Sparen, da die Menschen immer mehr um ihre zukünftige Sicherheit besorgt sind.

Obwohl es unmöglich ist, die Anzahl der Anhänger der Bewegung zu schätzen, ist es bezeichnend, dass es knapp 800.000 Mitglieder auf einer FIRE-Reddit gibt und Mr. Money Mustache – einer der wichtigsten Blogger der FIRE-Bewegung – seit ihrem Start mehr als 33 Millionen eindeutige Seitenaufrufe verzeichnen konnte.

Finanzielle Unabhängigkeit, frühzeitiger Ruhestand: Der grundlegende Plan

Kurz gesagt, erfordert FIRE, dass Sie Ihre Ausgaben auf ein Minimum reduzieren und jeden freien Cent in die Steigerung Ihrer Ersparnisse und Investitionen investieren. Je früher Sie dies tun, desto besser, damit Sie die Dauer Ihres Ruhestands maximieren können.

  1. Begrenzen Sie die Ausgaben. Welche Art von Ausgaben sollten jedoch gekürzt werden?

Es wird empfohlen, dass Sie mit Ihren hochverzinslichen Schulden beginnen: Tilgen Sie alle Ihre Kreditkartenschulden, Privatkredite und Studentenschulden. Kostengünstige Schulden, wie z. B. Hypothekendarlehen, haben weniger Priorität, da sie weniger von Ihrem Einkommen auffressen. Als Orientierungspunkt ergab die Schroders Global Investor Study*, eine jährliche Umfrage unter über 20.000 Anlegern auf der ganzen Welt, dass Menschen durchschnittlich rund 15 % ihres Gehalts speziell für ihren Ruhestand zurücklegen.

Dann sollten Sie sich Ihre täglichen Ausgaben ansehen und Unwichtiges streichen. Wie drakonisch Sie sein wollen, hängt von Ihnen und Ihrer Familie ab. Einige extremere Anhänger von FIRE plädieren dafür, nicht mehr auswärts zu essen, auf Designerkleidung und -Handtaschen zu verzichten und die Mitgliedschaft im Fitnessstudio durch Bewegung im Freien zu ersetzen.

  1. Maximieren Sie Ihre Einnahmequellen

Die Reduzierung von Ausgaben hilft, Ihre Ersparnisse zu maximieren, aber auch andere Einkommensquellen, wie z. B. ein Nebenerwerb, können helfen. Gibt es eine Möglichkeit, mehr Einkommen zu erzielen? Zusätzliche Freiberuflichkeit? Ein anderes Projekt außerhalb Ihres regulären Jobs übernehmen?

Klingt einfach – also was sind die Probleme?

Kosten zu senken und Einsparungen zu steigern sind zweifellos Gewohnheiten, die sich lohnen. Warum machen wir das nicht alle schon?

Es gibt ganz praktische Hindernisse. In vielen Ländern der Welt, sowohl in Industrie- als auch in Entwicklungsländern, arbeiten manche Menschen, um über die Runden zu kommen. Sie sind nicht in der Lage, einen Großteil ihres Einkommens für Ersparnisse und Geldanlagen aufzuwenden.

Es ist auch eine Frage des Lebensstils. FIRE fördert eine drastische Veränderung, die sich auf deutlichen Verzicht konzentriert. Es kann schwierig sein, sich darauf einzustellen.

Bei FIRE müssen Sie sich auch einigen potenziell alarmierenden Risiken stellen. Was ist, wenn es zu einem Marktcrash kommt und Sie einen erheblichen Teil Ihres Portfolios verlieren? Was ist, wenn sie infolge eines Unfalls oder einer schweren Krankheit unerwartete medizinische Ausgaben haben? Was ist, wenn Ihnen in Ihrem späteren Leben das Geld ausgeht?

Was bedeutet „früh“? Ist es das Ziel, in Ihren 30ern oder 40ern in den Ruhestand zu gehen? Wenn ja, muss Ihr Geld wahrscheinlich für 40-50 Jahre ausreichen.

Das größte Problem: Zu berechnen wie viel Sie sparen müssen, damit Ihnen nicht die Puste ausgeht

Zu ermitteln, wie viel Geld Sie für einen unbekannten Zeitraum benötigen, ist keine leichte Aufgabe. Anhänger der FIRE-Bewegung empfehlen, dass Sie mindestens das 25-fache Ihrer aktuellen jährlichen Ausgaben ansparen, sodass Sie sich bei Ihrer Pensionierung auf die 4-%-Regel verlassen können.

Wie Sie jedoch feststellen werden, müssen einige Annahmen zutreffen, damit die 4-%-Regel überhaupt funktioniert.

Die erste davon ist, dass Ihr Portfolio wachsen muss. Die „4-%-Regel“ beruht auf der Annahme, dass ein Anlagenportfolio durchschnittlich um 7 % pro Jahr anwächst.

Wenn man die historische Wertentwicklung am Markt sehr langfristig betrachtet, ist diese Annahme realistisch. Es gab jedoch lange Zeiträume, in denen signifikante Rückgänge die durchschnittlichen jährlichen Renditen deutlich unter diese Zahl gesenkt haben (und umgekehrt).

Eine der unausweichlichen Anlegerwahrheiten von Schroders für das kommende Jahrzehnt ist, dass die Renditen in den nächsten 10 Jahren sowohl an den Aktienmärkten als auch bei Staatsanleihen niedriger sein werden als in den letzten 10 Jahren. Es wird vorausgesagt, dass der Effekt bei Anleiherenditen besonders ausgeprägt ist, wie in dieser Grafik dargestellt.

Ein drittes Problem ist der Zeitraum. Die ursprüngliche Formel der 4-%-Regel ging von einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 7 % und jährlichen Abzügen von 4 % aus – und nahm an, dass dies zuverlässig 30 Jahre lang Bestand haben würde. Diese Annahme berücksichtigte eine typische Bandbreite möglicher Marktschwankungen, die in der Vergangenheit bereits vorkamen. Was wäre jedoch, wenn Ihr „Ruhestand“ länger dauern würde? Mit zunehmender Lebenserwartung und jüngerem Rentenalter, kann es leicht so kommen.

Mit realen Zahlen arbeiten: Ein britischer Sparer setzt alles auf FIRE

Die folgenden Durchschnittslöhne und -Ausgaben stammen vom Office of National Statistics, der offiziellen Statistikbehörde Großbritanniens. Nennen wir die Person in unserem Fallbeispiel Janet und nehmen wir an, sie ist 28 Jahre alt.

Jahresgehalt: £27.468

Jährliche Ausgaben: £25.595

Maximaler Sparbetrag: £1.873

Basierend auf den heutigen Zahlen muss Janet eine Summe von 639.875 Pfund Sterling ansparen, damit die jährliche Auszahlung von 4 % ihren heutigen Ausgaben von 25.595 Pfund Sterling pro Jahr entspricht.

Sie muss also ihre Ersparnisse erheblich steigern. Im Moment spart sie nur 1.873 Pfund Sterling pro Jahr – oder 156 Pfund Sterling pro Monat. Unter der Annahme, dass sie damit 7 % Zinseszins erwirtschaftet, wird sie zwischen 47 und 48 Jahren brauchen, um das Ziel von 639.875 Pfund Sterling zu erreichen – was bedeuten würde, dass sie dann Ende 70 wäre.

Diese Berechnungen zeigen, um was für eine schwierige Herausforderung es sich handelt.

Nehmen wir an, Janet kann ihr Leben und ihre Ausgaben so gestalten, dass sie wesentlich mehr als der Durchschnitt spart. Wenn sie 50 % ihres Gehalts sparen kann – das sind 12.798 Pfund Sterling pro Jahr oder 1.066 Pfund Sterling im Monat – sehen die Berechnungen plötzlich überzeugender aus. Sie würde die Zielsumme nach 22 Jahren erreichen, was bedeutet, dass sie nach der Formel der 4-%-Regel im Alter von etwa 50 Jahren „in Rente gehen“ könnte.

In der Realität gibt es natürlich viele Variablen. Janets Gehalt wird wahrscheinlich im Laufe der Zeit steigen. Sie kann allerdings auch mit Perioden konfrontiert sein, in denen sie weniger oder gar nichts verdient. Ihre Ersparnisse können auch von überraschenden Erbschaften oder anderen Boni profitieren.

Aber um auf das oben skizzierte einfache Szenario zurückzukommen: Wenn sie mit 50 Jahren mit dem Zielbetrag des 25-fachen ihrer jährlichen Ausgaben in Rente geht, wird das dann ein einfacher Ausstieg sein?

Wie lange ihr Angespartes genau hält, hängt von der zukünftigen Wertentwicklung an den Märkten ab. Nach der 4-%-Regel – die auf historischen Marktrenditen basiert und daher keine Garantie darstellt – kann sie auf ein Einkommen von 30 Jahren hoffen. Damit wäre sie dann 73 Jahre alt. Ihr investierter Sparbetrag kann vor diesem Datum aufgebraucht sein, wenn beispielsweise sehr schwere Markteinbrüche seinen Wert zunichte machen. Umgekehrt kann er auch weitaus länger ihre Einkommenszahlungen stützen.

FIRE: Theorie und Wirklichkeit

Die Berechnung zeigt, wie großartig Anlageformeln theoretisch sind – aber wir wissen, dass das wirkliche Leben anders funktioniert.

Alles gerät ins Wanken, wenn Sie zum Beispiel mit unerwarteten Ausgaben konfrontiert werden. Was passiert, wenn Sie plötzlich für einen anderen Angehörigen – ein Kind oder einen Elternteil – verantwortlich sind? Oder wenn Sie Ihren Job verlieren oder arbeitsunfähig werden?

Positiv zu vermerken ist, dass sich die finanzielle Dynamik ändern könnte, weil Sie unerwartet erben oder Ihre Einkünfte stark ansteigen.

All das ändert die Zeit, die Sie benötigen, um Ihr gewünschtes Rentenalter zu erreichen.

Neil Walton, Leiter Investment Solutions, sagt: „Wir wissen, dass das Konzept von FIRE einige dazu veranlasst hat, über eine Verringerung ihrer Ausgaben, ihre Pensionierung, Geldanlagen und eine Veränderung ihres Lebens nachzudenken. Aber auch für diejenigen, die solche radikalen Schritte nicht vorhaben, bietet FIRE eine nützliche Blaupause für die Planung. Eine gute Anlage basiert auf einem guten Finanzplan, und dabei geht es unweigerlich darum, Anlagen im Laufe der Zeit aufzubauen, um in der Zukunft ein Einkommen zu erzielen.“

 

* Über die Schroders Global Investor Study

Schroders beauftragte Raconteur mit der Durchführung einer unabhängigen Online-Studie zwischen dem 30. April und dem 15. Juni 2020, an der 23 450 Anleger in 32 Ländern und Regionen auf der ganzen Welt teilnahmen. Für diese Studie wurden Personen befragt, die in den kommenden zwölf Monaten mindestens 10 000 Euro (oder den Gegenwert in einer anderen Währung) anlegen wollen und in den vergangenen zehn Jahren Änderungen an ihren Anlagen vorgenommen haben.


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen vom Autor und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.