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Warum überflügelt Nordasien südasiatische Länder?


Der Erfolg nordasiatischer Länder (China, Südkorea, Taiwan) bei der Eindämmung der Covid-19-Pandemie im vergangenen Jahr ist bekannt. Strenge Lockdowns und Quarantänen halfen allen drei Ländern im vergangenen Jahr, zu einer relativen wirtschaftlichen Normalität zurückzukehren, während die Volkswirtschaften im Westen deutlich länger mit den Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen hatten. China und Taiwan verzeichneten für 2020 sogar ein positives BIP-Wachstum.

Dieser Erfolg war zum Teil der Grund dafür, dass die nordasiatischen Märkte im vergangenen Jahr ihre südostasiatischen Konkurrenten weit hinter sich zurückließen.

Die erfolgreiche Eindämmung des Virus ist jedoch nicht der einzige Grund für die jüngste Performance der nordasiatischen Aktienmärkte. Ein weiterer Grund ist, dass die Arten von Unternehmen, die während der Pandemie gut abgeschnitten haben, an den nordasiatischen Aktienmärkten bereits gut vertreten waren. 

Technologieriese Nordasien

Sehen Sie sich die unten stehende Abbildung an. Die ersten beiden Spalten zeigen die Zusammensetzung des MSCI AC Asia ex Japan Index von 2000 und die nächsten beiden die Zusammensetzung im Jahr 2020. Wie Sie sehen, ist Nordasien viel stärker im Gesamtindex vertreten.

In Nordasien sind es die technologiebezogenen Aktien (einschließlich Internettitel), die von ca. 13 % des Index auf über 40 % gestiegen sind. Im Gegensatz dazu ist der Anteil des Technologiesektors im restlichen Asien weiterhin gering.

Internetplattformunternehmen haben von der schnellen Akzeptanz neuer Technologien vonseiten asiatischer Verbraucher profitiert, die im Vergleich zum Rest der Welt wohl weniger durch veraltete Infrastrukturen belastet wurden. Smartphones haben beispielsweise ein schnelles Wachstum in Bereichen wie E-Commerce und mobile Zahlungen ermöglicht.

Natürlich waren Technologieprodukte und -Dienstleistungen während der Pandemie sehr gefragt. Die Nachfrage nach Smartphones, Tablets und Laptops stieg stark an, da Unternehmen ihren Mitarbeitenden Geräte für die Arbeit im Homeoffice zur Verfügung stellten. Auch die Nachfrage für die Unterhaltung von Zuhause (Fernseher und Computerspielkonsolen) stieg, was ebenso aufgrund der Ausgangssperren für E-Commerce und Online-Gaming galt. All diese Trends haben in den letzten 18 Monaten zu einer hohen Nachfrage nach verschiedenen Technologien geführt und zur robusten Wertentwicklung Nordasiens beigetragen.

Aber warum ist Nordasien bei der Technologie führend? Das ist kein Zufall. Sehen wir uns die längerfristigen Faktoren an, die dafür sorgen, dass die Region gut aufgestellt war, um von den Trends während der Pandemie zu profitieren. 

Drei beständige Gründe für den Erfolg Nordasiens

Ein wichtiger Grund sind die Investitionen in Forschung & Entwicklung (F&E). Korea und Taiwan geben seit Langem mehr für F&E aus als ihre südostasiatischen Nachbarn, wie die Abbildung unten zeigt. China hat seine Ausgaben beträchtlich erhöht.

Investitionen in wissensbasierten Branchen wie Technologie sind entscheidend für die Entwicklung und das Wachstum von Unternehmen. Dadurch konnte sich Nordasien in den vergangenen Jahren besser an den rasanten technologischen Wandel anpassen.

Damit Investitionen effektiv sind, braucht es Leute, die wissen, wie man das Geld am besten ausgibt. Dies bringt uns zu einem weiteren Grund für den Technologieerfolg Nordasiens: Bildung. Absolventen mit einer hochwertigen Ausbildung werden benötigt, um die F&E-Ausgaben umzusetzen.

Die folgende Abbildung zeigt, wie insbesondere in China die Anzahl der Absolventen in Natur- und Ingenieurwissenschaften rapide gestiegen ist. Südkorea und Taiwan haben im Verhältnis zur Bevölkerung eine hohe Zahl solcher Absolventen. Diese Absolventen werden eine Karriere von 30 bis 40 Jahren haben, ihr Wissen und ihre Erfahrung im Lauf der Zeit erweitern und den Unternehmen, für die sie arbeiten, Mehrwert verschaffen. 

Ein weiterer Grund für die Outperformance Nordasiens ist, wie einfach die Unternehmensgründung dort ist. Warum? Neue Unternehmen können durch die Einführung neuer Arbeitsmethoden oder Technologien oft die Produktivität in der Gesamtwirtschaft verbessern. Im Vergleich zu anderen Schwellenländern ist es in Korea oder Taiwan schon lange einfacher, ein neues Unternehmen zu gründen. In China wurde die Unternehmensgründung stark vereinfacht. Im Gegensatz dazu stehen Unternehmer in vielen südostasiatischen Ländern noch immer vor erheblichen bürokratischen Hürden.

Wir glauben, dass diese drei Faktoren – F&E-Investitionen, Bildung und Unternehmensgründung – zu den erfolgreichen Technologieunternehmen in Nordasien beigetragen haben, die sich in einer Outperformance der Aktienmärkte widerspiegeln. Sie werden für die Region auch in Zukunft wichtig sein. 

Diese Faktoren können den Volkswirtschaften Nordasiens möglicherweise helfen, die „Falle des mittleren Einkommens“ zu vermeiden, wenn Länder ein bestimmtes Einkommensniveau erreichen, aber nicht darüber hinauskommen. Vor allem China ist nicht mehr die Quelle für billige Arbeitskräfte, die es einst war. Das Land sieht sich zunehmend der Konkurrenz durch Nachbarländer ausgesetzt, in denen die Löhne im verarbeitenden Gewerbe niedriger sind (siehe Abbildung links unten). Vietnam ist hier ein besonders gutes Beispiel.

Billige Arbeitskräfte sind jedoch nicht unbedingt der Vorteil, der sie einmal waren. Wie die obige mittlere Abbildung zeigt, ist die Produktivität in China höher als in seinen Nachbarländern. Auch wenn sich einige Unternehmen dafür entscheiden, ihre Produktion in diese Niedriglohnländer zu verlagern, wird dies im Allgemeinen eine Produktion mit geringerer Wertschöpfung sein. Darüber hinaus gewinnen Unternehmen ähnlicher Branchen Cluster-Vorteile durch die Nähe zueinander. Dies gilt insbesondere für Branchen mit komplexen Lieferketten.

Wie die letzte Abbildung zeigt, spielen die Arbeitskosten angesichts sinkender Automatisierungskosten eine weniger wichtige Rolle, wenn Unternehmen entscheiden, wo sie ihre Produktion ansiedeln möchten. Dank seiner hohen Ausgaben für F&E und seinem hohen Bildungsstand steht Nordasien bei Innovationen in der Automatisierung an der Spitze. Diese Innovationen wiederum können dazu beitragen, die Produktivität weiter zu verbessern.

Das restliche Asien: ein Nachzügler, aber noch nicht ausgeschieden

Bedeutet das alles, dass die Prognosen für den Rest Asiens düster sind? Keineswegs. Auch hierfür gibt es kurz- und langfristige Gründe.

Sehen wir uns zuerst die kurzfristigen Faktoren an. Auch viele südostasiatische Länder haben die Pandemie gut bewältigt, konnten jedoch aufgrund der Zusammensetzung ihrer Volkswirtschaften nicht davon profitieren.

Thailand zum Beispiel war im vergangenen Jahr bei der Eindämmung von Covid-19 erfolgreich. Reisebeschränkungen hatten jedoch zur Folge, dass der Tourismus des Landes – der ca. 20 % seiner Wirtschaft darstellt – sehr stark betroffen war. Es besteht Spielraum für eine solide Erholung im Reise- und Tourismussektor, sobald Impfstoffe verteilt und die Beschränkungen aufgehoben werden, was der Wirtschaft kurzfristig Aufschwung verleihen würde. Da die Impfraten in weiten Teilen Asiens jedoch immer noch relativ niedrig sind, bleibt der Zeitpunkt dieser Erholung angesichts des Potenzials für weitere Ausbrüche ungewiss.

Wenden wir uns den längerfristigen Faktoren zu, die für den Rest Asiens sprechen. Ein Aspekt hiervon ist die Demografie: Die Bevölkerungen sind im Durchschnitt wesentlich jünger als ihre nordasiatischen Nachbarn. Die Urbanisierung ist ein weiterer Faktor: Viele dieser Länder haben noch einen großen Spielraum für die Urbanisierung und die damit verbundenen Vorteile für Zusammenarbeit und Innovation.

In der Zwischenzeit hat die Pandemie die Vorteile einer geografisch diversifizierten Lieferkette aufgezeigt. Wie wir gesehen haben, müssen Unternehmen die höhere Produktivität Chinas gegen die höheren Arbeitskosten abwägen. Ein weiterer Aspekt ist die Versorgungssicherheit. Die Pandemie mag global sein, aber sie hat sich nicht zeitgleich auf jedes Land ausgewirkt. Die ersten Stillstände in China Anfang 2020 haben die Lieferketten von Unternehmen, die auf chinesische Produktion angewiesen sind, enorm gestört. Die Verlagerung eines Teils der Produktion in andere Länder könnte eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme sein.

Die erhöhten Handelsspannungen der letzten Jahre, insbesondere zwischen den USA und China, dürften ein weiterer Grund sein, warum Unternehmen ihre Produktion möglicherweise in andere Länder verlagern könnten.

Längerfristige Bemühungen zum Abbau von Hindernissen für den intraregionalen Handel sollten dem regionalen Wachstum zugutekommen. Die regionale umfassende Wirtschaftspartnerschaft (Regional Comprehensive Economic Partnership, RCEP) ist ein Freihandelsabkommen, das im vergangenen Jahr von 15 asiatisch-pazifischen Staaten unterzeichnet wurde. Wir glauben, dass solche Vereinbarungen dazu beitragen können, dass das inländische und regionale Wachstum in der asiatischen Wirtschaft eine größere Rolle spielen kann.

Obwohl öffentliche Märkte derzeit in Südostasien in Bezug auf die Technologie unterrepräsentiert sind, so gibt es doch einige schnell wachsende private Internetplattformunternehmen, die in den kommenden Jahren an die Börse gehen könnten.

Wie wir gesehen haben, ist das Zusammenspiel vieler Faktoren, sowohl kurzfristiger als auch langfristiger Natur, für die Outperformance der nordasiatischen Aktienmärkte in den vergangenen 18 Monaten verantwortlich. Diese Faktoren sollten dazu führen, dass die Region auch für die Zukunft gut aufgestellt ist. Andererseits gibt es auch gute Gründe dafür, dass der Rest Asiens noch aufholen wird. Als Investoren in Aktien suchen wir nach Unternehmen mit den besten Wettbewerbspositionen und Wachstumsperspektiven – egal in welcher Region.


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