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Was ist Mikrofinanzierung und warum ist sie für Investoren von Bedeutung?


Andrew Lacey

Andrew Lacey

Investment-Redakteur

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Die Ausgrenzung aus dem Finanzsystem wird allgemein als großes Hindernis in der Armutsbekämpfung gesehen. Im Jahr 2017 hatten 1,7 Milliarden Erwachsene weltweit keinen Zugang zu einem Bankkonto. Die große Mehrheit von ihnen lebt in Schwellenländern und Frontier-Märkten. Laut Weltbank sind 56 % davon Frauen, und 59 % dieser Frauen zählen nicht zur Erwerbsbevölkerung ihres Landes.

Ein leichterer Zugang zu Finanzprodukten, die Anpassung von Finanzdienstleistungen und die Anbindung der Kapitalmärkte an geschäftstätige Privatpersonen können daher eine große Kluft bei der Überwindung der Armut schließen. Hier setzt die Mikrofinanzierung, eine Form von Impact Investing, an.

Mikrofinanzinstitute vergeben Kredite und bieten zunehmend Spar-, Versicherungs- und verwandte Produkte für Gruppen mit niedrigem Einkommen sowie Kleinst-, Klein- und Mittelunternehmen, um einkommensbildende Aktivitäten zu ermöglichen und Menschen dabei zu helfen, aus der Armut zu entkommen. 

Wie kann Mikrofinanzierung bei der Armutsbekämpfung helfen?

Peter Fanconi, Chairman des Impact Investment Managers BlueOrchard, weiß, welche Auswirkungen der Zugang zu Kapital haben kann.

„Eine Investition von 1 Million US-Dollar über einen Zeitraum von fünf Jahren kann das Leben von über 55.000 Menschen verbessern. Das sind beeindruckende Zahlen. Darum geht es letzten Endes aber gar nicht. Es geht um Menschen, individuelle Geschichten, um Familie, Wünsche und Hoffnungen.

Ich habe miterlebt, wie Darlehen wie die von BlueOrchard eine alleinerziehende Mutter die Gründung eines Stickereigeschäfts in Kolumbien ermöglichten. Die Gründerin erlangte damit finanzielle Unabhängigkeit und beschäftigt inzwischen 20 weitere Frauen.

Ein ähnliches Darlehen trug dazu bei, dass ein Landwirt und Imker aus Tadschikistan sein Geschäft erweitern und das Einkommen seiner Familie aufbessern konnte, ohne dafür in ein städtisches Gebiet ziehen zu müssen. Er ist einer der 42 % BlueOrchard-Endkunden, die in ländlichen Gegenden leben, deren Lebensbedingungen sich mit dem Zugang zum Finanzsystem verbesserten.“

Das sind nur zwei Beispiele. Die positiven sozialen Auswirkungen von Impact Investing und Mikrofinanzierung – insbesondere im Hinblick auf die Armutsbekämpfung – liegen klar auf der Hand. 

Wie können Anleger davon profitieren?

Es ist offensichtlich, dass ein inklusives Finanzsystem ein positiver Schritt hin zur Nachhaltigkeit und Erreichung von Entwicklungszielen ist. In einer Gesellschaft mit Zugang zu Finanzdienstleistungen sind die Aussichten für Unternehmertum und die Schaffung von Arbeitsplätzen besser. Eine solche Gesellschaft kann Menschen die Werkzeuge an die Hand geben, ihre Existenz zu verbessern, und zwar im Hinblick auf finanzielle Sicherheit, Gesundheitsversorgung und Bildung.

Die sozialen Vorteile sind also offensichtlich. Wie sieht es aber mit finanzieller Due Diligence und Anlagerenditen aus? Die Nachhaltigkeit eines Mikrofinanzprogramms ist abhängig von der langfristigen Rentabilität für die Anleger. Wenn sich Mikrofinanzierung für die Kapitalgeber nicht lohnt, betrifft das auch die Kreditnehmer von Mikrokrediten.

„Das Potenzial für stabile und wettbewerbsfähige Renditen – gemeinsam mit niedrigen Ausfallraten – ist nur einer der Faktoren, die immer mehr Anleger von dem Modell der Mikrofinanzierung überzeugen. Denn so können sie Renditen erwirtschaften und etwas Gutes tun,“ kommentiert Patrick Scheurle, CEO von BlueOrchard.

Peter Fanconi ist auch davon überzeugt, dass Mikrofinanzierung Anlegern nicht nur attraktive Renditen bietet, sondern auch Diversifikationsvorteile. Diese spielen angesichts des nachlassenden Wirtschaftswachstums eine immer wichtigere Rolle.

„In den vergangenen 20 Jahren erreichten wir mit unseren Mikrofinanzierungsaktivitäten eine jährliche Rendite von 4,3 %. Die Ausfallrate lag im gleichen Zeitraum bei unter 1 %. Wir glauben nicht, dass die Banken der Industrieländer damit gleichziehen könnten. Besonders wichtig ist auch, dass die Renditen nicht mit traditionellen Anlageklassen korrelieren und sehr geringe Wertschwankungen aufweisen. Diese Merkmale kommen zu den positiven sozialen Vorteilen hinzu und sorgen so für eine ausgewogene Anlagestrategie (was wir „Double Bottom Line“ nennen).

Welche Risiken sollten Anleger beachten?

Im Vorfeld der Anlage müssen die potenziellen Risiken sorgfältig abgewogen werden. Die im Folgenden dargelegten Faktoren sind nur einige der Fragen, die wir vor einer Investition unseres Kapitals stellen.

  • Weist das Mikrofinanzinstitut formelle Richtlinien zu Mehrfachdarlehen auf?
  • Legt das Institut den Kunden die Preise, Raten und Geschäftsbedingungen aller Finanzprodukte offen?
  • Befolgt das Institut einen Verhaltenskodex?
  • Liegen formelle Richtlinien für den Umgang mit Kundenbeschwerden vor?

Auch länderspezifische Faktoren müssen berücksichtigt werden. Die Kreditwürdigkeit muss mittels konsequenter und wiederholbarer Analyse geprüft werden.

Es ist wichtig, das Gleichgewicht zwischen einer sozial positiven und einer rentablen Anlage zu finden. Ein Anleger muss die notwendigen Informationen zu den sozialen und ökologischen Folgen und den Renditen vorliegen haben. Andererseits gilt es auch, die Realität vor Ort – also die Grenzen und Fähigkeiten der potenziellen Kreditnehmer – zu berücksichtigen.

Wie bei allen Anlagen kann der Wert der Anlage und der damit erzielten Erträge sowohl steigen als auch fallen. Anleger erhalten den ursprünglich investierten Betrag unter Umständen nicht zurück. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Hinweis für die Wertentwicklung in der Zukunft und lässt sich möglicherweise nicht wiederholen.  Wenn Sie sich bezüglich der Eignung Ihres Investments unsicher sind, sprechen Sie mit einem Finanzberater.

Warum die Mikrofinanzierung immer beliebter wird

Mit der Allokation von Kapital können einige der dringendsten sozialen und ökologischen Probleme der Welt gelöst werden. 2006 lancierten die Vereinten Nationen die Prinzipien für verantwortliches Investieren (UNPRI) und rückten damit die Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Diese Prinzipien veränderten die Art und Weise, in der Anleger Nachhaltigkeit in ihren Anlageentscheidungen berücksichtigten, von Grund auf. Den UNPRI zufolge sind ESG-Faktoren (Umwelt, Soziales und Governance) ein entscheidender Aspekt der Verantwortlichkeit eines Anlegers und ein wichtiger Faktor beim Erwirtschaften nachhaltiger Renditen.

Die UNPRI sind extrem einflussreich. Die über 2.300 Unterzeichner aus mehr als 60 Ländern repräsentieren ein Vermögen von über 86 Bio. US-Dollar1. Inzwischen zählen neun der zehn der größten Fondsmanager der Welt zu ihren Unterzeichnern. ESG-Faktoren spielen eine immer wichtigere Rolle.

2015 wurde ein wichtiger Fortschritt beim verantwortungsbewussten Investieren erzielt: In diesem Jahr wurden die Nachhaltigkeitsziele der UN von der globalen Gemeinschaft – also allen 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen – unterzeichnet. Die Nachhaltigkeitsziele (auch SDG für Sustainable Development Goals) boten den Unterzeichnern klare Richtlinien, um Armut zu beenden, Ungleichheit zu reduzieren und die Umwelt zu schützen.

Sie basieren auf den Millenniums-Entwicklungszielen der Vereinten Nationen. Diese wurden im Jahr 2000 unterzeichnet. Als Vorläufer der Nachhaltigkeitsziele hatten sie die Bekämpfung extremer Armut zum Ziel. Die Millenniums-Entwicklungsziele legten den Schwerpunkt auf den Zugang zu Mikrofinanzierung als wichtiger Aspekt bei der Entwicklung inklusiver Finanzsysteme. Vor diesem Hintergrund ernannte die Generalversammlung der UN 2005 zum „Jahr der Mikrokredite“, um auf die Relevanz der Mikrofinanzierung zu verweisen. 2006 erhielt Muhammad Yunus, der zeigte, wie Mikrofinanzierung erwerbstätige arme Menschen aus der Armut befreien kann, den Friedensnobelpreis.

Mit den 17 Nachhaltigkeitszielen wird der private Sektor zum Handeln aufgefordert. Zudem machen sie deutlich, dass die globale Gemeinschaft bei der Lösung ihrer dringlichsten Probleme vom privaten Sektor abhängig ist. Sowohl Unternehmen als auch institutionelle Anleger sind aufgefordert, über ihre Geschäftsaktivitäten, Vermögensaufteilung und Anlageentscheidungen zu den Nachhaltigkeitszielen beizutragen. Oberste Priorität bei den Nachhaltigkeitszielen hat die weltweite Armutsbekämpfung.

 

1 Quelle: https://www.unpri.org/about-the-pri


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