9 Min | Perspektiven

Wie gehen Unternehmen mit ihren Mitarbeitern in der Covid-19-Krise um?


In der Covid-19-Krise steht der Umgang der Unternehmen mit ihren Interessengruppen ganz besonders im Mittelpunkt. In der Anfangsphase der Krise konzentrierten sich viele Unternehmen auf Maßnahmen, die der breiteren Gesellschaft zugutekommen sollten. Zahlreiche Firmen, von Brennereien bis zu Autoherstellern, stellten ihre Produktion auf Handdesinfektionsmittel, Ventilatoren oder persönliche Schutzausrüstung um. Andere Unternehmen unterstützten ihrerseits die medizinische Forschung oder soziale Belange durch Sach- und Geldspenden.

Gleichzeitig wurden Unternehmen für vermeintliches Fehlverhalten prompt abgestraft. Ein prägnantes Beispiel aus jüngster Zeit ist die Restaurantkette Shake Shack. Auf öffentlichen Druck gab das Unternehmen ein staatliches Darlehen in Höhe von 10 Mio. US-Dollar zurück, das es bei einem Hilfsprogramm der US-Regierung für kleine Unternehmen beantragt hatte.

Wir hatten früher schon erwähnt, dass unserer Ansicht nach ein neuer Gesellschaftsvertrag im Entstehen begriffen ist, da sich die Beziehungen zwischen Unternehmen und ihren Interessengruppen durch die Covid-19-Krise ändern. Die Inanspruchnahme staatlicher Unterstützungsprogramme und die Kompromisse im Hinblick auf Aktionärsrenditen und Vergütungen von Führungskräften sind ein Beispiel dafür. Der Umgang mit Mitarbeitern ist ein weiterer Punkt, der während des Lockdowns immer stärker in den Mittelpunkt gerückt ist.

An vorderster Front oder abgehängt?

Während viele, die im Büro arbeiten (darunter auch die meisten Investoren), ihre berufliche Tätigkeit auch zu Hause ausüben können, sieht es bei systemrelevanten Arbeitnehmern ganz anders aus.

In dieser Krise ist deutlich geworden, dass es ein ganzes Segment des Arbeitsmarktes gibt, dessen Bedeutung bislang wahrscheinlich nicht erkannt wurde – jedenfalls sind die Löhne nicht dementsprechend. Supermarktangestellte, Auslieferungsfahrer, Lagerarbeiter und Mitarbeiter von lebensmittelerzeugenden und -verarbeitenden Betrieben sind nur einige der neuen „Frontkämpfer“, die die Wirtschaft am Laufen halten.

Während Ärzte und Pflegepersonal als die neuen Helden der Nation gefeiert werden, wird man sich zunehmend der Tatsache bewusst, dass man für den reibungslosen Betrieb von Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen auch auf sogenannte „gering Qualifizierte“ wie Krankenhauspförtner, Reinigungskräfte und Heimpflegepersonal angewiesen ist.

Diese Personen arbeiten oftmals in einem Umfeld, in dem der Umgang mit Kunden oder Patienten mit einer besonders hohen Gefährdung einhergeht. Unternehmen in diesen Sektoren wurden im Hinblick auf die Beschaffung von persönlicher Schutzausrüstung und Arbeitssicherheit genau unter die Lupe genommen.

So musste z. B. Amazon eine Menge Kritik an den Arbeitsbedingungen des Lagerpersonals einstecken, obwohl das Unternehmen vier Milliarden US-Dollar für Sicherheitsmaßnahmen ausgegeben hatte. Der britische Bekleidungseinzelhändler Next hatte seine E-Commerce-Sparte im März geschlossen, um die Lager den Abstandsregeln entsprechend neu anzuordnen, was eine bedeutende Verringerung der Kapazität zur Folge hatte.

Erweiterung des (Sicherheits-)Netzes

Nun, da die Wirtschaft allmählich wieder hochgefahren wird und immer noch kein Impfstoff in Sicht ist, müssen sich auch Unternehmen in „nicht relevanten“ Sektoren mit diesen Herausforderungen auseinandersetzen. Auch wenn ihnen der Staat und die Aufsichtsbehörden beratend zur Seite stehen, sind die Unternehmen selbst dafür verantwortlich, eine sichere Umgebung sowohl für ihre Arbeitnehmer als auch für ihre Kunden zu schaffen. In einer aktuellen Studie von JUST Capital waren 90 % der Befragten der Meinung, dass die Unternehmen persönliche Schutzausrüstung bereitstellen, die Arbeitsplätze desinfizieren und Abstandsregeln einführen sollten.

Positiv zu vermerken ist, dass sich die Unternehmen offenbar ihrer Verantwortung voll bewusst sind – entweder weil sie gut geführt sind oder weil sie den Protest der Öffentlichkeit fürchten. Das nachstehende Diagramm zeigt die Antworten auf eine CFO-Umfrage von PwC über ihre Pläne, wie der Betrieb ihrer Unternehmen wieder aufgenommen werden soll:

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Die höchste Priorität haben Maßnahmen bezüglich spezifischer Sicherheitsprobleme im Zusammenhang mit der Krise. Büros, Einkaufszentren und Restaurants arbeiten mit Hochdruck an innovativen Lösungen zur Einhaltung der Abstandsregeln, von Einwegsystemen bis zu Trennwänden zwischen den Tischen.

Andere Lösungen, wie beispielsweise Telearbeit und flexible Arbeitsmodelle, dürften länger Bestand haben. Zahlreiche Technologieunternehmen haben bereits die Heimarbeit auf unbestimmte Zeit verlängert, und die Londoner Büros von Schroders sind trotz der Lockerung der staatlichen Vorschriften weiterhin weitestgehend verwaist.

Das funktioniert zwar nicht in allen Branchen gleich gut, aber dessen ungeachtet haben sich viele Arbeitnehmer schon seit langem mehr Flexibilität gewünscht, aber vielleicht nicht den Mut gehabt, dies ausdrücklich zu fordern. Unternehmen, die sich der neuen Normalität stellen und die notwendigen Investitionen in Technologie tätigen, werden wahrscheinlich mit zufriedeneren, motivierteren – und vielleicht auch produktiveren – Arbeitnehmern belohnt. Wahrscheinlich werden sie auch leichter neue Arbeitskräfte finden. Schon vor der Krise ergab eine britische Studie, dass 70 % aller Arbeitnehmer der Meinung waren, dass ein flexibles Arbeitsmodell zur Attraktivität eines Arbeitsplatzes beiträgt. In der Altersgruppe der Millennials waren es sogar 90 %.

Neben physischen Sicherheitsvorkehrungen haben manche Arbeitgeber auch Maßnahmen zum Schutz oder zur Aufbesserung der finanziellen Verfassung der Arbeitnehmer getroffen. Viele systemrelevante Arbeiten werden schlecht bezahlt, insbesondere in Anbetracht der potenziellen Gesundheitsgefahren. Das nachstehende Diagramm von JUST Capital zeigt die Arten der finanziellen Unterstützung, die von den 100 führenden börsennotierten Unternehmen der USA für ihre Mitarbeiter geleistet wird.

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Daraus ist zu ersehen, dass 20 % davon vorübergehend die Löhne erhöht und 18 % einen einmaligen Bonus gezahlt haben. Einige Unternehmen in systemrelevanten Branchen – darunter die meisten britischen und US-amerikanischen Supermärkte – haben „Gefahrenzulagen“ für Mitarbeiter mit Kundenkontakt eingeführt.

Diese „Gefahrenzulagen“ sind zweifellos eine willkommene Unterstützung in Notzeiten, tragen aber nicht zu einer dauerhaften Anhebung der Gehälter im Niedriglohnsektor bei. Viele Unternehmen stehen nun in der Kritik, weil ihre Unterstützungsmaßnahmen Ende Mai eingestellt wurden, obwohl die Gesundheitsgefahren immer noch ein gewichtiges Thema sind. Nur 1 % der von JUST untersuchten 100 Unternehmen (d. h. ein einziges Unternehmen – Charter Communications) hat bisher die Löhne dauerhaft erhöht. Unter dem Druck von Gewerkschaften, Aufsichtsbehörden oder Kunden könnten jedoch noch mehr dieser zeitweiligen Lohnerhöhungen die Krise überdauern.

„The Economist“ hat dazu angemerkt, dass Pandemien im Laufe der Geschichte – von der Pest bis zur Spanischen Grippe – in der Regel eine Verschiebung der Erträge vom Kapital zur Arbeit in Form höherer Realeinkommen für Arbeitnehmer zur Folge hatten. Dem lag allerdings ein grausamer Mechanismus zugrunde: Durch die Dezimierung der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter hatte die Krise den überlebenden Arbeitnehmern zu einer besseren Verhandlungsposition verholfen. Die Wirtschaft sieht heutzutage natürlich ganz anders aus – und wir hoffen selbstverständlich, dass die Krise weitaus weniger gravierend ausfallen wird –, aber dennoch könnte Covid-19 einen Wendepunkt der zunehmenden Ungleichheit darstellen. 

Dies ist zwar aus ethischer Sicht zu begrüßen, aber als Investoren müssen wir uns auch die Frage stellen, wie die Lohnerhöhungen finanziert werden sollen. Ist das Unternehmen in der Lage, die Preise zu erhöhen, ohne dass dies zu Lasten der Nachfrage oder des Gewinns geht? Dies würde durch die Kaufentscheidung der Konsumenten zugunsten höherer Löhne unterstützt, womit die Bereitschaft demonstriert wird, höhere Preise für Produkte von Unternehmen zu zahlen, die sich während und nach der Krise verantwortungsbewusst verhalten haben. Würden die Arbeitnehmer dadurch motivierter und produktiver werden? Oder würden höhere Löhne lediglich die Rentabilität und die Gewinne schmälern? Die Ergebnisse werden je nach Unternehmen und Branche unterschiedlich ausfallen. Daher ist eine gründliche Analyse unerlässlich.

Update: Aktien mit höheren ESG-Ratings entwickeln sich weiterhin überdurchschnittlich

Die Covid-19-Krise wird sich langfristig auswirken, und es wird noch eine Zeitlang dauern, bis sich dies in den Aktienkursen niederschlägt. Bislang jedoch hat uns die Entwicklung der US-amerikanischen Aktien (siehe nachstehendes Diagramm) in unserer Überzeugung bestärkt, dass sich verantwortungsbewusste Unternehmen bei einem Konjunkturabschwung besser behaupten und sich im Verlauf des Konjunkturzyklus besser entwickeln dürften.

Seit wir dieses Thema im März erörtert hatten, haben sich die 20 % der Aktien mit dem höchsten ESG-Rating (Umwelt, Gesellschaft, Unternehmensführung) weiterhin besser entwickelt als der allgemeine Markt. Diese Outperformance war zwar weniger ausgeprägt als bei den ersten Markteinbrüchen, da eine Umschichtung auf risikoreichere und umweltbewusstere Aktien stattgefunden hatte, aber immer noch beträchtlich.

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Dies liegt teilweise darin begründet, dass der Gewinn je Aktie bei führenden ESG-Unternehmen weniger rückläufig ist als bei den ESG-Nachzüglern, wie aus dem nachstehenden Diagramm hervorgeht. Seit März hat der Umfang der Rückgänge in beiden Gruppen deutlich zugenommen, aber der Unterschied ist immer noch deutlich erkennbar.

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Dies bestärkt uns weiterhin in unserer Überzeugung, dass sich die nachhaltigsten Unternehmen langfristig besser entwickeln werden als ihre weniger nachhaltigen Konkurrenten. Als Investoren  konzentrieren wir uns darauf, jene Unternehmen ausfindig zu machen, die langfristig das höchste Potenzial für ein nachhaltiges Wachstum aufweisen und gute Beziehungen zu ihren Interessengruppen unterhalten.

 


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von dem Autor und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.