Weitblick - Märkte

Wie lassen sich die Auswirkungen geopolitischer Ereignisse auf den Markt messen?

Geopolitische Risiken nehmen zu, und Anleger werden sich damit in den kommenden Jahren zunehmend auseinandersetzen müssen. Wir analysieren die Auswirkungen auf Portfolios und zeigen passende Strategien auf.

22.10.2019

Keith Wade

Keith Wade

Chefvolkswirt

Irene Lauro

Irene Lauro

Ökonomin

Anleger werden sich in den kommenden Jahren verstärkt mit geopolitischen Risiken auseinandersetzen müssen. Geopolitische Spannungen sind einer der disruptiven Faktoren, die unseres Erachtens zu erhöhten Schwankungen an den Märkten führen werden.

Was ist ein geopolitisches Risiko und wie lässt es sich quantifizieren?

Als geopolitische Risiken werden viele verschiedene Sachlagen bezeichnet, von militärischen Konflikten bis hin zum Klimawandel und Brexit. Wir definieren sie als die Beziehungen zwischen Ländern auf politischer, wirtschaftlicher oder militärischer Ebene. Das Risiko entsteht, wenn die normalen Beziehungen zwischen Ländern oder Regionen gefährdet sind.

Gemessen werden können geopolitische Risiken unter anderem mithilfe des Geopolitical Risk Index (GPR), der von Ökonomen der US-Notenbank Fed entwickelt wurde. Der Index berücksichtigt automatisierte Suchergebnisse der elektronischen Archive von elf nationalen und internationalen Zeitungen. Geprüft wird, wie oft Schlüsselwörter wie „militärische Spannungen”, „Kriege” und „Terrorismusgefahr” verwendet werden.

Die unten stehende Abbildung zeigt, wie sich der GPR seit 1985 entwickelt hat.

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Wie sich Unsicherheit auf Volkswirtschaften auswirkt

Geopolitische Risiken führen zu Unsicherheit. Dies belastet die Wirtschaft und Finanzmärkte, da wichtige Entscheidungen aufgeschoben werden.

Unternehmen zögern Anlageentscheidungen oder Neueinstellungen beim Personal hinaus. Verbraucher verschieben große Anschaffungen wie Autos oder Häuser. Finanzanleger warten mit ihren Anlageentscheidungen ab, um zunächst die wirtschaftlichen oder politischen Folgen abzuschätzen.

Die Entwickler des GPR – die Fed-Ökonomen Caldara und Iacoviello – stellten fest, dass deutliche Anstiege des Index zu einer schwächeren Wirtschaftsaktivität und niedrigeren Aktienmarktrenditen führen. Industrieproduktion, Beschäftigung und Handel lassen allesamt nach, wobei diese Entwicklung für ein Jahr nach dem ursprünglichen Schock anhält.

Wie wirkt sich das auf die Märkte aus?

Geopolitische Risiken führen zu einer erhöhten Risikoaversion unter den Anlegern. Sie belasten die Aktienmarktrenditen in allen Industrieländern, und die Renditen der zweijährigen US-Treasuries geben nach.

Die Kapitalflüsse sind ebenfalls betroffen: Die Zuflüsse in die Schwellenländer waren in Krisenzeiten niedriger, die in Industrieländer hingegen höher.

Im Einklang mit der nachlassenden Wirtschaftsaktivität gab der Ölpreis in Reaktion auf steigende geopolitische Risiken oftmals nach.

Die Analyse zeigt, dass die Wirtschaftsaktivität und die Finanzmärkte von geopolitischen Gefahren stärker unter Druck gesetzt wurden als von tatsächlichen Ereignissen (wie der Ausbruch von Kriegen oder die Auferlegung von Sanktionen). Durch Gefahren steigen in der Regel Unsicherheit und Abwärtsrisiken, während tatsächliche Ereignisse eher zu einem Ende der Unsicherheit und zu prompten Schutzmaßnahmen seitens der politischen Entscheidungsträger führen. Dieses Ergebnis untermauert die klassische Börsenweisheit „Buy the rumour, sell the fact”.

Zwei Faktoren, die das geopolitische Risiko dominieren

  1. Der Aufstieg Chinas

Bis Ende des nächsten Jahrzehnts wird China den gleichen Anteil am globalen BIP haben wie die USA. Dies hat beträchtliche Auswirkungen auf die Beziehung zwischen den beiden Ländern und insbesondere auf das Verhalten der USA, was multilaterale Abkommen und Institutionen betrifft.

  1. Der Anstieg des Populismus

Dem zunehmenden Populismus liegen stagnierende Löhne und die wachsende Ungleichheit in den großen Volkswirtschaften zugrunde. Populisten machen sich die Unzufriedenheit durch wirtschaftlichen Nationalismus zunutze, der die Globalisierung und in diesem Zusammenhang insbesondere Importe, Outsourcing und Immigration als Grund für die wirtschaftliche Malaise verteufelt. Dies verleiht dem Protektionismus, dem Rückzug aus Handelsabkommen und strengeren Einwanderungsbestimmungen Auftrieb. Offensichtlich führen derlei Maßnahmen zu erhöhten politischen Risiken, da Länder ihre Allianzen neu verhandeln und in geringerem Ausmaß miteinander verbunden und voneinander abhängig sind.

Wie reagieren Märkte in Zeiten geopolitischer Risiken?

Wie oben erwähnt, können geopolitische Spannungen zu niedrigeren Aktienpreisen und zu steigenden Renditen aus Anlagen in „sicheren Häfen” führen.

Die unten stehende Tabelle zeigt diesen Effekt während drei großer Konflikte in den vergangenen 30 Jahren. Wir verweisen darauf, dass in jedem dieser Beispiele Aktienkurse anfänglich fielen, als die Märkte das Risiko einpreisten, sich in der Regel innerhalb weniger Monate aber wieder deutlich erholten.

20191021_Tabelle_Marktrenditen_nach_geopolitischen_Ereignissen.png

Unsere Analyse von „sicheren” und „riskanten” Anlagen

Wir untersuchten das Zwischenspiel von geopolitischen Risiken und Marktverhalten, indem wir die Renditen verschiedener Anlageklassen in Zeiten erhöhter geopolitischer Spannungen analysierten. Unsere Analyse spricht dafür, dass Anleger geopolitische Risiken bei taktischen Entscheidungen zur Vermögensaufteilung berücksichtigen sollten – denn eine Investition in als sicher geltenden Anlagewerten, sobald geopolitische Spannungen steigen, bietet höhere risikoadjustierte Renditen.

Wir bauten ein sicherheitsorientiertes und ein riskantes Portfolio auf und verglichen die Renditen und die Sharpe Ratios beider Portfolios in Zeiten erhöhter geopolitischer Risiken, wie vom GPR Index identifiziert. Unter Sharpe Ratio versteht man eine Messgröße für die Überrendite einer Anlage im Vergleich zum risikofreien Zinssatz.

  • Unser sicherheitsorientiertes Portfolio ist zu 50 % in zehnjährigen US-Staatsanleihen investiert. Die restlichen 50 % entfallen zu gleichen Teilen auf Gold, den Schweizer Franken und den japanischen Yen.
  • Unser risikoorientiertes Portfolio engagiert sich zu 50 % im S&P Index 500. Der Rest verteilt sich gleichmäßig auf den MSCI World und den MSCI EM Equity Index. Für den Zeitraum ab 2007 haben wir auch einen Korb an Staatsanleihen der Schwellenländer in Lokalwährung aufgenommen. Hierbei handelt es sich um Anleihen aus der Türkei, Brasilien, Mexiko, Russland und Südafrika.

Fünf Phasen geopolitischer Spannungen: So entwickelten sich unsere Portfolios

Wir konzentrierten uns auf fünf verschiedene Phasen erhöhter geopolitischer Risiken ab 1985 und definierten diese Phasen als Zeiträume, in denen der GPR auf über 100 stieg.

Wir nehmen keine Wertung in zeitlicher Hinsicht vor, sondern kalkulieren lediglich die Gesamtrendite und die Sharpe Ratio eines jeden Portfolios in diesen Zeiträumen (d. h. von einem Indexstand von über 100 bis zu einem Indexstand von unter 100).

20191021_Tabelle_Portfoliorenditen_nach_geopolitischen_Ereignissen.png

Unsere Analyse zeigt, dass das Portfolio, das sich aus als sicher geltenden Anlagen zusammensetzt, auf Basis der Sharpe Ratio in vier der fünf untersuchten Phasen höhere risikobereinigte Renditen aufweist als das risikoorientierte Portfolio.

Wir untersuchten auch, ob sich ein diversifiziertes Portfolio aus 60 % Risikoanlagen und 40 % sicherheitsorientierten Anlagen besser entwickelt hätte als das sichere Portfolio. Interessanterweise deutet unsere Analyse darauf hin, dass gegenüber der risikobereinigten Performance des sicherheitsorientierten Portfolios kein besseres Ergebnis zu erzielen war.

Und in Zeiten „extremer” geopolitischer Risiken?

Wir untersuchten außerdem, ob das sicherheitsorientierte Portfolio auch in Zeiten extremer geopolitischer Risiken, d. h. wenn der GPR auf über 200 steigt, die beste Strategie wäre. Die Ergebnisse waren hier durchwachsener. Das risikoorientierte Portfolio erzielte in drei der fünf Phasen das beste Ergebnis.

Tabelle 3 zeigt die Rendite jedes Portfolios ab dem Zeitpunkt, zu dem der GPR auf über 200 ansteigt, bis hin zu dem Zeitpunkt, da er wieder auf unter 100 zurückgeht. Einige dieser Zeiträume sind relativ kurz. Dennoch zeigen sie, dass Risikoanlagen mit der Erholung beginnen, bevor der GPR wieder auf Normalniveaus sinkt. Dies könnte darauf hindeuten, dass Risikoanlagen einen Großteil des Risikos bereits eingepreist haben, wenn der GPR das extreme Niveau von 200 erreicht.

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Sollen Anleger bei erhöhten geopolitische Risiken einfach abwarten?

Ein Anleger, der die Risiken ignoriert und in Risikoanlagen investiert bleibt, sieht sich zwar größeren Wertschwankungen ausgesetzt, könnte aber auf lange Sicht besser abschneiden.

Wir erweiterten für jedes der fünf ausgewählten Ereignisse den Zeithorizont unserer Analyse auf sechs Monate nach dem Abklingen der geopolitischen Spannungen. Damit wollten wir herausfinden, was passieren würde, wenn Anleger einfach in Risikoanlagen investiert blieben und das Ende der Unsicherheit abwarten würden. Wir verglichen dies mit einem sicherheitsorientierten Portfolio, einem 60/40-Portfolio (Aktien/Anleihen) und einem dynamischen Portfolio. Wir setzten ein sicherheitsorientiertes Portfolio ein, sobald die Spannungen stiegen (GPR>100), und stiegen auf das risikoorientierte Portfolio um, sobald sie sich legten (GPR<100).

Über den erweiterten Zeitraum stellten wir fest:

  • Das sicherheitsorientierte Portfolio entwickelte sich bei allen Ereignissen außer dem 11. September und der Irak-Invasion schlechter.
  • Sind Anleger in der Lage, die Wertschwankungen zu ignorieren, liefert das risikoorientierte Portfolio in vier der fünf untersuchten Zeiträume höhere Renditen.
  • Das risikoorientierte Portfolio entwickelte sich im Hinblick auf die risikobereinigten Renditen in jedem dieser vier Zeiträume besser als das sicherheitsorientierte Portfolio.
  • Das dynamische Portfolio entwickelte sich gut: Bei drei der fünf Ereignisse und in vier der fünf Zeiträume erzielte es eine höhere Rendite als das risikoorientierte Portfolio.
  • Das dynamische Portfolio erzielte in drei der fünf Zeiträume eine höhere Sharpe Ratio als das risikoorientierte und in vier der fünf Zeiträume eine höhere Sharpe Ratio als das sicherheitsorientierte Portfolio.

Sollten Anleger die Geopolitik also einfach ignorieren?

Wir sind uns bewusst, dass unsere Analyse auf einer relativ kleinen Stichprobe von fünf Zeiträumen basiert, die sich so nicht wieder wiederholen werden. Dennoch glauben wir, dass Anleger geopolitische Risiken nicht ignorieren sollten, da die Wertentwicklung des Portfolios davon profitieren kann, wenn man bei einem steigenden GPR in sichere Häfen wechselt.

Den mechanistischen Ansatz, den wir in unserer Analyse verwenden, können wir nicht empfehlen. Er zeigt aber, dass geopolitische Risiken eine wichtige Rolle spielen und bei einer aktiven Vermögensaufteilung von Vorteil sein können.

 

Den vollständigen Bericht finden Sie nachstehend als PDF-Datei. Bitte beachten Sie, dass er in englischer Sprache verfasst wurde und sich nur an professionelle Anleger und Finanzberater richtet.


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von dem Autor und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.