5 Min | Perspektiven

Ausblick 2020

Warum Anleger im Jahr 2020 etwas tiefer graben müssen


Johanna Kyrklund

Johanna Kyrklund

Chief Investment Officer und Global Head of Multi-Asset Investments

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Wir glauben nicht, dass das neue Jahrzehnt wahre Begeisterungsstürme auslösen wird. Und die Party von 1999 wird sich wohl auch nicht wiederholen – Pessimismus ist jedoch auch nicht geboten.

Aus wirtschaftlicher Perspektive sieht alles tatsächlich noch nicht so rosig aus, und die Industrieaktivität ist äußerst schwach. Dank der ausbleibenden Inflation konnten die Zentralbanken jedoch viel proaktiver vorgehen, als dies normalerweise der Fall wäre, und wir können Anzeichen für eine Stabilisierung der Geldmenge erkennen. 

In Anbetracht des unsicheren Wirtschaftsumfelds haben Anleger auf Unternehmen gesetzt, die ein beständiges und zuverlässiges Wachstum bieten. 

Sofern sich die Wirtschaftsdaten stabilisieren, könnten im nächsten Jahr wieder jene Bereiche gefragt sein, die sensibler auf den Konjunkturzyklus reagieren. An dieser Front gibt es zwei Schwierigkeiten: Erstens lassen die fiskalpolitischen Anreize in den USA nach und zweitens stellen die Handelsspannungen zwischen den USA und China weiterhin ein Schlüsselrisiko dar. 

Folglich dürften die Märkte auch weiterhin stark auf Liquidität angewiesen sein. Sie sind inzwischen von den Auswirkungen der quantitativen Lockerung abhängig. Damit wird die viel gepriesene Politik der Zentralbanken bezeichnet, in deren Rahmen die Notenbanken große Mengen an Staatsanleihen oder anderen finanziellen Vermögenswerten kaufen, um die Wirtschaft mit Liquidität zu versorgen.

Diese Politik hat unter anderem dafür gesorgt, dass die Anleiherenditen dauerhaft niedrig sind und somit die Voraussetzungen für höhere Aktienbewertungen (Anteile) geschaffen. Auch wenn die quantitative Lockerung ein Ende nimmt: Ich bin der Meinung, dass eine allmähliche Steigerung der Aktienkurse der Weg des geringsten Widerstands ist.

Werfen wir zunächst einen Blick auf Anleihen

Der Rückgang der Anleiherenditen 2019 hat die Bewertungen in den meisten anderen Anlageklassen verbessert. Deshalb sollte man sich zunächst mit den voraussichtlichen Renditen von Staatsanleihen aus Industrienationen beschäftigen. 

Ein etwaiger Anstieg der Anleiherenditen (und folglich ein Rückgang der Anleihepreise) dürfte meines Erachtens durch den ausbleibenden Wirtschaftsaufschwung, die geringe Inflation und die institutionelle Nachfrage nach Renditen (da die Pensionsfonds versuchen, ihre Risiken abzubauen) begrenzt werden. Das bedeutet nichts anderes, als dass Pensionsfonds ihr Engagement in risikoreicheren Anlagen wie Aktien reduzieren und stattdessen auf stabilere Anlagen setzen, die eine laufende Rendite erbringen, beispielsweise Anleihen.

Dadurch erhalten die Aktienbewertungen eine gewisse Unterstützung. Gleichwohl ist noch nicht abzusehen, ob es zu einer weiteren Neubewertung kommt, wodurch Aktien in der Gunst der Anleger wieder steigen und diese bereit sind, einen höheren Preis für diese Papiere zu zahlen.

Niedrige Zinsen haben auch zur Folge, dass die Anleger auf den Märkten für Unternehmensanleihen unnachgiebig nach Renditen streben. Dieser Trend dürfte sich unseres Erachtens fortsetzen. Wir würden jedoch empfehlen, auf den Märkten für Unternehmensanleihen selektiver vorzugehen.

Erträge und Aktien ergeben ein uneinheitliches Bild

Dies führt uns zu den Unternehmensgewinnen (Erträge). Unseres Erachtens sind die Schätzungen für 2020 hoch, insbesondere in den USA. Dies liegt darin begründet, dass sich die USA in den späteren Phasen des Konjunkturzyklus befinden. Eine Volkswirtschaft schwankt zwischen Aufschwungphasen (Wachstum) und Abschwungsphasen (Rezession. In dieser Spätphase des Zyklus (der Zeitraum vor einer Rezession) steigen die Produktionskosten von Unternehmen, beispielsweise die Material- und Lohnkosten. Wir gehen davon aus, dass die Gewinnmargen von US-Unternehmen dadurch ausgehöhlt werden und diese möglicherweise nur ein niedriges Ertragswachstum im einstelligen Bereich verzeichnen werden. 

Die Gewinne in Europa, Japan und China sind jedoch niedrig und könnten dafür sorgen, dass in den restlichen Regionen der Welt 2020 deutliche Verbesserungen erzielt werden. 

Die Umfragedaten für das verarbeitende Gewerbe, die Aufschluss geben über die monatliche Veränderung des Produktionsniveaus, haben sich stabilisiert. Das sind gute Voraussetzungen für Aktien aus den Schwellenländern, die in diesem Jahr hinter anderen Märkten zurückgeblieben sind. Im Großen und Ganzen schätzen wir internationale Aktien im Vergleich zu US-Aktien positiv ein. Wie bereits erwähnt, halten wir es für sehr wahrscheinlich, dass die Kurse auf den Aktienmärkten nach oben gehen.

Ökonomisches Durchlavieren

Die Zentralbanken, insbesondere die US-Notenbank Fed, haben die Wirtschaft mit Liquidität versorgt und damit das Risiko einer Rezession gesenkt. Die Kreditvergabe von Geschäftsbanken ist jedoch nach wie vor verhalten. Damit es zu einem deutlichen Wirtschaftsaufschwung kommt, müssten erst einmal Anzeichen für eine höhere Liquidität der Privathaushalte vorliegen. 

Der US-Dollar könnte durch die Maßnahmen der US-Notenbank geschwächt werden, wovon insbesondere die Schwellenländer profitieren würden. Bislang kommt dem US-Dollar jedoch der Umstand zugute, dass die Zinsen in den USA höher sind als in anderen großen Märkten. Deshalb könnte die Währung noch eine Weile auf diesem hohen Niveau verharren. 

Die Debatten der Anleger kreisten in der jüngsten Vergangenheit häufig um die Fiskalpolitik (also die staatliche Verwendung von Steuereinnahmen und die Ausgabenpolitik). Wir gehen davon aus, dass die Fiskalpolitik in Großbritannien gelockert wird. Die fiskalpolitischen Anreize in den USA lassen jedoch nach und in Deutschland fehlt offensichtlich der politische Wille, die fiskalpolitischen Zügel deutlich zu lockern.

Die Wirtschaft dürfte sich im Jahresverlauf durchlavieren.

Der Joker ist nach wie vor die Politik

In einer Welt der zunehmenden Ungleichheit, die dem politischen Extremismus Auftrieb verleiht, ist der Joker nach wie vor die Politik. 

Aus globaler Sicht kommt es insbesondere auf die Entwicklung in den USA an. Ausgehend von diesen Anfangsbewertungen wäre eine Verschlechterung der Handelsbeziehungen zwischen den USA und China aufgrund der unterschwelligen Schwäche des globalen Handelswachstums nur schwer abzufedern – und im Vorfeld der US-Wahlen ist kaum abzusehen, welche Strategie US-Präsident Trump verfolgen wird. 

Gleichzeitig haben die niedrigen Steuersätze die Rentabilität von US-Unternehmen erhöht. Deshalb müssen auch die Entwicklungen im demokratischen Lager beobachtet werden. Schlussendlich muss ein ungeordneter Brexit in Europa wirklich vermieden werden, da dieser auf dem Markt für Unsicherheit sorgen könnte. Indes ist die Lage in Hongkong nach wie vor unberechenbar.

Fokus auf den relativen Wert

Nach der starken Entwicklung 2019 gehen wir davon aus, dass die Marktrenditen 2020 verhaltener ausfallen. Auf den zweiten Blick bieten sich aber auch Chancen. 

2019 haben die teuersten Anlagen – ob defensive Qualitätswerte oder europäische Anleihen – eine starke Performance hingelegt. Das bedeutet, dass sich ein schwaches Wirtschaftsumfeld in den Marktbewertungen widerspiegelt. 

Da sich die Daten stabilisieren und die Zentralbanken mit ihren Maßnahmen das Risiko einer Rezession eindämmen, versuchen unsere Anlageteams, einige der extremen Bewertungen zu nutzen, die durch die Flucht in vermeintlich „sichere Häfen“ entstanden sind. Das bedeutet, dass wir uns auf Bereiche konzentrieren, die ein relatives Wertpotenzial bieten und beispielsweise US-Anleihen gegenüber europäischen Anleihen mit negativen Renditen bevorzugen, internationalen Aktien Vorzug gegenüber US-Aktien geben oder eher auf zyklische Aktien als auf defensive Werte setzen.

Die Marktniveaus mögen im Großen und Ganzen einen trüben Eindruck machen. Wir haben jedoch etwas tiefer gegraben und sind zu dem Schluss gekommen, dass die Marktbewertungen eine reizvolle Herausforderung für aktive Fondsmanager wie uns darstellen.

 


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von dem Autor und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.