Perspektiven - Märkte

Erträge und Wachstum – geht beides gleichzeitig?

Führende Experten, darunter Rupert Rucker von Schroders, sprechen mit The Times darüber, ob Erträge und Wachstum gleichzeitig erzielt werden können.

18.03.2019

Abbildung: Andrea Ucini

Der Artikel wurde im Dezember 2018 von The Times verfasst. Alle Meinungen und Ansichten sind die des Verfassers, sofern nicht anders angegeben.

Können Sie Ihren Kuchen essen und ihn trotzdem behalten? Viele Anlagen, darunter auch Aktien, gewinnen an Wert und generieren gleichzeitig Erträge. Sie können diese Erträge reinvestieren, um Ihre langfristigen Renditen zu steigern, oder sie auszahlen lassen – dann bleibt weniger im Topf. 

Es ist ein Balanceakt. Zum einen geht es nicht um ein „ganz oder gar nicht“ – Sie können beispielsweise nur einen Teil Ihrer Erträge entnehmen. Auch das Ausmaß, in dem sich eine Auszahlung auf Ihre langfristigen Renditen auswirkt, hängt davon ab, inwieweit diese Renditen auf regelmäßige Erträge angewiesen sind.

Diese Frage ist jedoch äußerst schwer zu beantworten – zumal sich die Antwort im Laufe der Zeit ändert. Daten von Standard & Poor's deuten darauf hin, dass sich der Anteil der Dividenden am Gesamtertrag seit dem Zweiten Weltkrieg zwischen 14 % und 53 % bewegte.

Anlegern bleibt daher nichts anderes übrig, als fundierte Vermutungen anzustellen. Niemand kann Ihnen mit Sicherheit sagen, was es für das langfristige Wachstum bedeutet, wenn Sie Ihrem Portfolio einen bestimmten Teil der Erträge entnehmen. Die Folgen können sowohl unerheblich als auch beträchtlich sein, je nachdem, wie sich die Rendite Ihrer Anlagen in Zukunft entwickelt.

Berater und Anlageexperten sind sich uneinig, wo die goldene Mitte liegt. Einige sind davon überzeugt, dass man mit einem Portfolio erfolgreich Erträge erzielen und gleichzeitig das Kapital erhalten – oder sogar steigern – kann. Andere argumentieren, dass dies nur schwer zu verwirklichen ist.

Ja, es ist machbar

Ian Sayers, Chief Executive der Association of Investment Companies, sagt: „In der Vergangenheit zeichnete sich die Altersvorsorge durch zwei verschiedene Phasen aus: vor der Pensionierung, wo es in erster Linie um das Kapitalwachstum ging, und nach der Pensionierung, wo die Erwirtschaftung regelmäßiger Einkünfte im Vordergrund stand, üblicherweise in Form einer Jahresrente.

Das änderte sich in Großbritannien mit der Rentenreform von Finanzminister George Osborne. Mit der Aussicht auf einen möglicherweise jahrzehntelangen Ruhestand streben viele ein geregeltes Einkommen an und möchten das Wachstumspotenzial der Börse weiterhin nutzen, etwa um ein Erbe zu hinterlassen.

Investmentgesellschaften zeigen, dass dies möglich ist. Sie bieten einmalige Vorteile, wenn es darum geht, Erträge über Anlagezyklen hinweg zu verwalten: Sie sind in der Lage, Erträge in guten Jahren zurückzuhalten und in schwächeren Jahren auszuzahlen, und verfügen über eine deutlich höhere Anlageflexibilität. Einige Bereiche konzentrieren sich hauptsächlich auf das Kapitalwachstum, während andere den Schwerpunkt auf sofortige hohe Erträge legen – dazwischen gibt es jedoch auch jene, die seit Jahrzehnten erfolgreich einen Mittelweg beschreiten.

Angesichts dieser Veränderungen bei der Altersvorsorge ist es nicht verwunderlich, dass sich Kleinanleger und Berater in Großbritannien häufig für ertragsorientierte Aktienanlagen entscheiden. Das Interesse an solchen Optionen kann meines Erachtens nur noch weiter wachsen, während sich die Leute auf die neue Normalität in der Altersvorsorge einstellen.“

Nicht ohne Kompromisse

Patrick Connolly, Chartered Financial Planner bei Chase de Vere Independent Financial Advisers, kommentiert: „Einige Investmentfonds sind auf Kapitalwachstum oder die Erwirtschaftung von Erträgen ausgelegt, und andere verfolgen eine Kombination aus beidem. Wenn ein Fonds sowohl Wachstum als auch Erträge anstrebt, sind Kompromisse jedoch unumgänglich.

Das gilt auch für Privatanleger. Sie müssen häufig Zugeständnisse machen, um das Kapitalwachstum zu maximieren und einen gewissen Kapitalschutz zu gewährleisten. Wenn ihr Schwerpunkt einzig auf dem Kapitalwachstum liegt, werden sie wahrscheinlich nur in Aktien investieren, während viele Anleger ihre Portfolios durch Positionen in anderen Anlageklassen diversifizieren.

Anleger, die vor allem ertragsorientiert sind, müssen erkennen, dass Dividendenzahlungen einen erheblichen Teil der Aktienmarktrenditen ausmachen, und dass sich jede Auszahlung auf das Wachstumspotenzial des Kapitals auswirkt.

Der richtige Anlageansatz hängt von den persönlichen Umständen, den finanziellen Zielen und der Risikobereitschaft ab. Sie müssen entscheiden, welches Maß an Wachstums- und Ertragsmaximierung für sie das richtige ist, und ihre Anlegestrategie dementsprechend ausrichten. Es ist durchaus möglich, von Dividenden und Kapitalwachstum zu profitieren – es gibt jedoch keine Garantien dafür.“

Langzeitfokus

Rupert Rucker, Leiter Income Solutions bei Schroders, meint hierzu: „Ertragsorientierte Anleger müssen genauer darüber nachdenken, wie sie ihre Ersparnisse verwalten.

Das Umfeld für Anleger, die Erträge anstreben, hat sich verändert. Früher konnte man sein Geld zur Bank oder zur Sparkasse bringen und ansehnliche Erträge erzielen, ohne groß darüber nachdenken zu müssen. Diese Zeiten sind vorbei und dürften in absehbarer Zukunft auch nicht wiederkehren: Im aktuellen Niedrigzinsumfeld müssen wir uns alle genauer damit beschäftigen, wie wir Erträge erzielen.

In der Realität muss man sehr wahrscheinlich die Bereitschaft mitbringen, sein Kapital einem gewissen Risiko auszusetzen. Der Aktienmarkt hat in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich sehr konstante Erträge erzielt. Die Dividendenrendite, die beim britischen Leitindex FTSE 100 derzeit rund 4,5 % beträgt, stellt jedoch einen prozentualen Anteil des Kapitalwerts Ihrer Anlage dar, der mit der Zeit sowohl fallen als auch steigen kann.

Sollten Sie also Erträge entnehmen, anstatt sie zu reinvestieren, können Sie keine Kapitalgewinne in derselben Höhe erwarten wie jemand, der die gesamten Erträge reinvestiert. Das bedeutet jedoch nicht, dass Sie komplett leer ausgehen, insbesondere wenn Sie langfristig orientiert sind und in angemessenen bewertete Anlagen investieren.

Der Schlüssel liegt darin, sich über Ihre Anlageziele zu verständigen und dann zu überlegen, wie Sie diese erreichen können. Im aktuellen Umfeld müssen wir alle mehr Verantwortung dafür übernehmen, wie wir unsere Finanzziele erreichen. Berater können uns helfen, Entscheidungen zu treffen, und ein Fondsmanager kann uns dabei unterstützen, sie umzusetzen – dennoch müssen wir alle sorgfältiger in Erwägung ziehen, wie wir das Gleichgewicht zwischen Erträgen und Kapitalwachstum halten können.“


Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel wurde von The Times verfasst. Alle Meinungen und Aussagen sind die der Veröffentlichung, sofern nicht anders angegeben. Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen geben die Auffassung des Autors wieder und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Meinungen können sich jederzeit ändern.

Der Wert der Anlagen und der damit erzielten Erträge kann sowohl steigen als auch fallen. Zudem erhalten die Anleger den ursprünglich investierten Betrag möglicherweise nicht in vollem Umfang zurück. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Hinweis für die Wertentwicklung in der Zukunft und lässt sich möglicherweise nicht wiederholen. Jede Bezugnahme auf Wertpapiere, Sektoren, Regionen und/oder Länder dient ausschließlich der Veranschaulichung und ist keine Kauf-/Verkaufsempfehlung.