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Perspektiven - Märkte

Flygskam: konkrete Auswirkungen des Klimawandels auf Schwedens Fluggesellschaften

Viele Branchen sehen sich seit einiger Zeit dem Druck klimabewusster Verbraucher ausgesetzt. Nun bekommen ihn auch die schwedischen Fluggesellschaften zu spüren. Das Schlagwort lautet „Flygskam“ – Flugscham.

24.07.2019

Isabella Hervey-Bathurst

Isabella Hervey-Bathurst

Globales Aktienteam

Am 20. August 2018 stand ein unbekannter schwedischer Teenager namens Greta Thunberg allein vor dem schwedischen Parlament, um zu demonstrieren. Frustriert über die gleiche, unerträglich schleppende Klimapolitik, die wir auch in unserem Climate Progress Dashboard thematisieren, gab Greta eine einsame Figur ab. Als erklärtermaßen introvertierter Mensch dürfte es für sie unvorstellbar gewesen sein, dass ein halbes Jahr später rund 1,6 Mio. Schüler und Studierende weltweit für das gleiche Anliegen auf die Straße gehen würden.

Die von ihr initiierte Bewegung „Fridays for Future“ hatte an einem Tag über 2.000 Demonstrationen in 125 Ländern zur Folge und bringt die immer lauter werdende Forderung der jüngeren Menschen nach Lösungen zum Ausdruck. Bei den jüngsten „Extinction Rebellion“-Protesten, die in mehreren europäischen Städten stattfanden, hefteten sich Demonstranten mit Superkleber an Züge, Lastwagen und Gebäude. Der zehntägige Protest war eine weitere energischere und groß angelegte Forderung nach politischem Handeln.

Als klimabewusste Anleger sind wir davon überzeugt, dass die Auswirkungen dieses Themas sowohl Unternehmen als auch unseren Alltag schneller verändern werden, als den meisten Anlegern derzeit bewusst ist. Die Kosten für Maßnahmen gegen den Klimawandel sind schneller gesunken als von vielen erwartet, und es zeichnet sich immer deutlich ab, welche Vorteile die Bewältigung von Klimarisiken mit sich bringt. Dies hat dazu geführt, dass immer mehr Menschen ihr Eigeninteresse überwinden und sich auf der persönlichen Ebene für echte Veränderungen einsetzen. Der Klimawandel ist kein „Problem von morgen“ mehr. Er wirkt sich schon jetzt auf die Gewohnheiten der Verbraucher aus und nimmt somit Einfluss auf die Rentabilität und das Verhalten von Unternehmen.

Die Sprache des Wandels: „flygskam“ und „tagskryt“

Ihr Engagement für den Klimaschutz hat Greta bereits nach London, Rom und Straßburg geführt. Die Aktivistin lehnt Flugreisen ab und nutzt ausschließlich die Bahn. Durch diese Entscheidung konnte sie etwa 400kg an CO2 einsparen, was einem Zehntel der durchschnittlichen jährlichen CO2-Emissionen eines Schweden entspricht.

Einen Monat vor Gretas flugfreier Rundreise veröffentlichte der WWF eine Umfrage, die ergab, dass fast ein Viertel der Schweden im vergangenen Jahr auf Flugreisen verzichtet hat, um ihre Klimaauswirkungen zu reduzieren. Der Einfluss der Flygskam-Bewegung auf das Reiseverhalten sollte nicht unterschätzt werden. Auch ein anderes Schlagwort wurde von diesem Trend geprägt: Tagskryt oder „Zugstolz“ – der Stolz darauf, Reisen mit dem Flugzeug zu vermeiden.

Tatsächlich verzeichnen die schwedischen Fluggesellschaften und Flughafenbetreiber immer weniger Fluggäste, während die Bahnbetreiber einen Anstieg erleben.

Weniger Flugreisende

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Volle Kraft voraus

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Quelle: https://www.bloomberg.com/news/articles/2019-04-14/as-flying-shame-grips-sweden-sas-ups-stakes-in-climate-battle 

Unternehmen, die der Klimawandel am stärksten gefährdet

Ermutigt durch die Anzeichen eines gestiegenen Bewusstseins für den Klimawandel sind wir natürlich auch sehr daran interessiert, wie sich der Wandel hin zu einem kohlenstoffarmen Lebensstil auf verschiedene Unternehmenssektoren auswirkt.

Die Luftfahrt ist ein Sektor, der äußerst schwer zu dekarbonisieren sein wird. Abgesehen von Kurzstreckenflügen ist es eher unwahrscheinlich, dass Batterien und Brennstoffzellen in Flugzeugen eingesetzt werden können. Auf lange Sicht müssen die fossilen Brennstoffe, mit denen Flugzeuge angetrieben werden, wahrscheinlich durch Bio- und synthetische Kraftstoffe ersetzt werden – Technologien, die derzeit teuer und selten sind. Jedoch kann auch die Steuerung der Nachfrage eine Rolle spielen. Das ist der Punkt, an dem Flygskam ins Spiel kommt.

Durch eine Verlagerung auf umweltfreundlichere Transportmittel und eine höhere logistische Effizienz könnten die durch Schwertransporte (einschl. der Luftfahrt) erzeugten CO2-Emissionen um 20 %1 gesenkt werden, so ein Bericht der Energy Transitions Commission, die sich für die Erreichung von CO2-Neutralität in schwer zu dekarbonisierenden Sektoren einsetzt. Die Verlagerung vom Flugzeug auf die Schiene im Kurzstrecken-Personenverkehr verringert die CO2-Emissionen auf kg/km-Basis um 85 %.2

Der Bericht spricht sich dafür aus, den Wandel durch Investitionen in den Schienenverkehr und finanzielle Anreize für die Verbraucher voranzutreiben. Aber auch normative Verschiebungen wie die Flygskam-Bewegung können eine bedeutende Rolle spielen. Aus Anlegerperspektive sind wir besonders an der Tagskryt-Seite der Medaille interessiert und erkennen ein enormes Potenzial im Anstieg von Bahnreisen und -transporten.

 

1 http://www.energy-transitions.org/sites/default/files/ETC_MissionPossible_FullReport.pdf

2 https://www.theguardian.com/environment/2019/apr/26/greta-thunberg-train-journey-through-europe-flygskam-no-fly


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von dem Autor und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.