4 Min | Perspektiven

Fünf Gründe, die für einen neuen Superzyklus für Rohstoffe sprechen


Rohstoffe sind bei Anlegern zwar schon lange nicht mehr beliebt. Seit Kurzem entwickeln sie sich jedoch gut und haben die Renditen breiter Aktienindizes zum ersten Mal seit vielen Jahren übertroffen. Die gestiegene Rohstoffnachfrage aus China, die beträchtliche Angebotsdisziplin im Ölsektor und die anhaltende fiskalpolitische Unterstützung vonseiten der Regierungen spielen hierbei eine wichtige Rolle.

Inzwischen wird heiß diskutiert, ob wir uns im Anfangsstadium eines neuen Superzyklus für Rohstoffpreise und -Renditen befinden. Wir (und immer mehr andere Anleger) erkennen mehrere strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den frühen 2020er- und den frühen 2000er-Jahren – das letzte Mal, dass Rohstoffpreise auf ein Rekordniveau kletterten. 

Heute wie damals erleben wir eine beträchtliche Unterinvestition im Rohstoffangebot. Die Investitionsausgaben in den Sektoren Öl und Gas und globaler Bergbau sind seit 2011 um rund 40 % gesunken. In den frühen 2000er-Jahren war China bei der steigenden Rohstoffnachfrage ein Hauptfaktor. Heute stehen wir möglicherweise am Anfang einer beispiellosen Phase koordinierter globaler Kapitalinvestitionen in die Energiewende. Der Umstieg auf saubere Energiequellen und Elektrofahrzeuge könnte die Nachfrage nach wichtigen Rohmaterialien ankurbeln.

Es gibt aber auch einige wichtige Unterschiede. Der Schwerpunkt auf den Klimawandel wird heute die Investitionen in fossile Brennstoffe voraussichtlich selbst bei steigenden Preisen begrenzen, was möglicherweise zu einem historischen Angebotsschock führen könnte. Ferner läuten wachsende geopolitische Spannungen eine Phase ein, in der die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette und eine strategische Bevorratung die Nachfrage vom Landwirtschafts- bis zum Metallsektor steigern. 

Im Folgenden nennen wir fünf Gründe, warum sich Rohstoffe unseres Erachtens gut entwickeln werden und weshalb sich Anleger für den Sektor interessieren sollten.

Rohstoffe sind billig

Die Bewertungen von Rohstoffen sind günstig. Das gilt nicht nur im Vergleich zu anderen Anlageklassen wie Aktien, sondern auch im historischen Vergleich (siehe Abbildung unten).

Außerdem verweisen wir darauf, dass bei einer Outperformance von Rohstoffen die Marge oft groß ist, wie die unten stehende Abbildung zeigt. In der Vergangenheit wurden Phasen einer soliden Entwicklung durch bestimmte Bedingungen unterstützt. In den frühen 2000er-Jahren beispielsweise boomte China nach einer Phase der Unterinvestition aufgrund der Baisse der 1990er-Jahre. Wir gehen davon aus, dass sich diese vielversprechenden Bedingungen jetzt wieder einstellen.

In Vorbereitung auf die Welt nach Covid-19 setzen Regierungen auf der ganzen Welt fiskal- und geldpolitische Maßnahmen um, die für Rohstoffe sehr günstig sind. 

Die Inflation kommt

Als Reaktion auf die globale Finanzkrise von 2008 bemühten sich die großen Zentralbanken der Welt, Volkswirtschaften mit der unorthodoxen Methode der quantitativen Lockerung zu retten. Diese Methode führte in den vergangenen zehn Jahren zu einer Outperformance von finanziellen Vermögenswerten gegenüber Sachwerten. Für Rohstoffe war sie jedoch sehr ungünstig und deflationär. Die Phase der reinen quantitativen Lockerung ist inzwischen jedoch vorbei.

In den vergangenen zwölf Monaten reagierten große Zentralbanken auf der ganzen Welt auf die Covid-19-Pandemie mit ungewöhnlichen geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen. Geschwindigkeit und Ausmaß dieser Stimulationsmaßnahmen waren beispiellos. Im Gegensatz zu 2008 wurde eine fiskalische Expansion von mehreren Billionen US-Dollar umgesetzt, wozu auch Helikoptergeld an Haushalte und Unternehmen gehörte.

Einige Länder weisen derzeit ein Haushaltsdefizit von über 15 % des BIP auf, was seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr vorkam. Durch die Schuldenlast wird eine Inflationspolitik für diese Länder attraktiver. Unseres Erachtens bedeutet die koordinierte Kombination von aggressiven fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen, dass eine Inflation bevorsteht. Und das ist gut für Rohstoffpreise.

Die Nachfrage nach Rohstoffen wird steigen

Die Energiewende wird dazu führen, dass die Nachfrage nach Metallen in den kommenden Jahren deutlich ansteigen wird, bedingt durch den Umstieg auf Elektrofahrzeuge und erneuerbare Energiequellen. Die folgende Abbildung zeigt den erwarteten Anstieg bei der Nachfrage nach Kupfer, das in Batterien und der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge eingesetzt wird.

Auch andere Rohstoffe dürften in den kommenden Jahren einen beträchtlichen Anstieg verzeichnen. Die Nachfrage nach Agrarrohstoffen, wie Mais, Sojabohnen und Schweinefleisch, dürfte ebenfalls steigen, vor allem in China. Unterbrechungen der Lieferkette aufgrund von Exportbeschränkungen während der Covid-19-Krise haben mehrere Länder dazu veranlasst, langfristige Pläne zum Aufbau von Lebensmittelreserven, insbesondere Weizen, zu entwickeln, um ihre Importabhängigkeit zu verringern.

Der Anstieg der Nachfrage aus China ergibt sich daraus, dass das Land aufgrund seiner geringen Ackerflächen seinen Agrarsektor nicht ausbauen kann. Die steigende Nachfrage nach diesen Rohstoffen, insbesondere Schweinefleisch, ist auch auf die wachsende urbane Mittelschicht Chinas zurückzuführen.

Die Unterinvestition könnte zum nächsten Rohstoffzyklus führen

Unterinvestitionen gehen jedem Rohstoffzyklus voraus. Die folgende Abbildung zeigt, dass die Kapitalinvestitionen in große integrierte Öl- und Gasunternehmen zwischen 2013 und 2020 um 52 % zurückgegangen sind. Die Investitionsausgaben in der Kupferindustrie brachen zwischen 2012 und 2020 um 44 % ein.

Das Einzige, was Investitionen in diesen Sektoren stimulieren kann, ist eine Preiserhöhung. Wenn auch nur die Hälfte der erwarteten Nachfrage eintritt, wird das Angebot nicht ausreichen, was zu höheren Preisen führen und Investitionen anregen wird.

Der US-Dollar dürfte in den kommenden Jahren abwerten

Die Intervention der US-Notenbank Fed während der Covid-19-Pandemie zur Stützung der Finanzen von Unternehmen und Verbrauchern hat der Aufwertung des US-Dollars eine Obergrenze gesetzt. Angesichts der unbegrenzten Versorgung der Fed mit US-Dollar in jeder Krise haben Anleger nach sicheren Häfen, wie dem Euro, gesucht.

Sorgen über das Zwillingsdefizit der USA (Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit) haben ebenfalls zu einem Wertverlust des US-Dollars geführt (siehe Abbildung unten). Und wir gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren fortsetzen wird.

Darüber hinaus könnte der Status des US-Dollars als Reservewährung allmählich verblassen, während der Euro an Stärke und Bedeutung gewinnt, da die europäischen Staats- und Regierungschefs einen proaktiveren Ansatz zur Stimulierung der Wirtschaftstätigkeit verfolgen.

Die Abwertung des US-Dollars wäre für Rohstoffe günstig. Obwohl die meisten Rohstoffe in Schwellenländern produziert werden, wird ihr Preis normalerweise in US-Dollar angegeben. Wertet der US-Dollar ab, steigt der Preis dieser Rohstoffe gemessen in US-Dollar.

Und was ist mit ESG?

Einige Anleger, die sich auf Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren (ESG) konzentrieren und daher nicht in Energietitel investieren, zögern möglicherweise, in Rohstoffe zu investieren, da sie Bedenken hinsichtlich ihrer Umweltauswirkungen haben.

Wir verweisen jedoch darauf, dass einige dieser Rohstoffe (insbesondere Metalle) für die Energiewende und den Umstieg auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft unabdingbar sind. Eine unzureichende Versorgung mit Kupfer oder Nickel wäre problematisch für die Entwicklung von Elektrofahrzeugbatterien oder den Anschluss von Solarparks und Windkraftanlagen an das Stromnetz.

Durch die Investition in Terminkontrakte, beispielsweise LME-Kupfer, können Anleger Vertrauen in die Lieferkette haben. Sie können auch sicher sein, dass der zugrunde liegende Kontrakt nicht für Metalle gilt, deren Sicherheitsmaßnahmen bei der Produktion nicht dem Standard entsprechen.

Es ist auch erwähnenswert, dass ESG-Anleger als aktive Anleger auf Unternehmen Einfluss ausüben und zu Veränderungen beitragen können. Zu guter Letzt bleibt zu sagen, dass Rohstoffe nach wie vor eine Notwendigkeit und für eine funktionierende Weltwirtschaft oftmals unerlässlich sind.


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von den Autor*Innen und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.