Wird Wasser bald wertvoller als Öl sein?

Drei Experten erörtern, ob Wasser eines Tages möglicherweise teurer wird als der Kraftstoff für den Motor der Weltwirtschaft.

21.11.2018
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Illustration von Andrea Ucini.

Dieser Artikel erschien erstmals in der Times in englischer Sprache.

Angesichts der in diesem Jahr stark anziehenden Ölpreise scheint es eine gewagte These, dass Wasser eines Tages möglicherweise teurer sein wird als Öl.

Und doch argumentiert Jean-Louis Chaussade, CEO des französischen Versorgungsunternehmens Suez, das in den Bereichen Energie und Wasser tätig ist, dass Wasserknappheit heute eine der dringlichsten Herausforderungen für viele Branchen ist.

Im vergangenen Jahr äußerte er gegenüber der Financial Times, dass er den Tag erwartet, an dem Wasser ein wertvollerer Rohstoff ist als Öl.

Der Bedarf an Wasser ist nicht nur durch die wachsende Weltbevölkerung bedingt – Branchen wie der Energie- oder Agrarsektor verbrauchen ebenfalls immer größere Mengen Wasser.

Die 2030 Water Resources Group, eine öffentlich-private Partnerschaft unter Schirmherrschaft der Weltbank, glaubt, dass der weltweite Bedarf bis 2030 um 40 % steigen wird – und dass ohne Maßnahmen zur Eindämmung der schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels die Wasservorräte knapper werden.

Die Bedrohung ist heute so akut, dass das Office of the Director of National Intelligence in den USA jüngst davor gewarnt hat, dass Streit um Wasser das Potenzial für bewaffnete Konflikte birgt, insbesondere in den trockeneren Regionen der Erde wie Afrika oder dem Nahen Osten. Eine drei Jahre währende Dürreperiode in Südafrika hatte Anfang des Jahres eine Wasserkrise zur Folge, in deren Zuge die Behörden davor warnten, dass möglicherweise ein Großteil der Wasserhähne in Kapstadt zugedreht werden müsse.

Daher fragten wir die Experten: Könnte Wasser eines Tages mehr kosten als Öl?

Ja, die These stimmt.

Alexei Levene, Mitgründer des Start-ups Desolenator, das saubere Energien zum Entsalzen von Wasser einsetzt, argumentiert:

„Das weltweit wertvollste Wasser ist das Wasser, das wir konsumieren; das wir trinken und zum Kochen verwenden – also Trinkwasser. In Großbritannien kostet ein Liter Benzin heute rund 1,29 Pfund Sterling. Eine Flasche Wasser von einem der großen Markenunternehmen kann schon mal das Dreifache kosten.

Das Wasser, das wir trinken, wird in Zukunft nicht günstiger. Unsere einhundert Jahre alte Wasserinfrastruktur altert rapide, und die damit verbundenen Probleme werden nur schlimmer. Die Tage, an dem Trinkwasser wie selbstverständlich durch unsere Wasserhähne strömt, sind gezählt.

Weltweit haben etwa 2,1 Milliarden Menschen keinen direkten Zugang zu sauberem Trinkwasser. Und hierbei handelt es sich keineswegs nur um ein Problem der Entwicklungsländer. In nahezu allen Ländern herrscht Wasserstress – angefangen bei Wasserknappheit im Südwesten Amerikas bis hin zu extremen Dürren in Australien. In Indonesien fällt jedes Jahr bis zu drei Meter Regen, doch der Zugang zu unbedenklichem Trinkwasser ist äußerst begrenzt.

Wenn wir uns nicht gemeinsam darum bemühen, Antworten auf die Wasserverknappung zu finden, werden wir in den nächsten zehn Jahren weltweit große Versorgungsprobleme bekommen. Und das gilt nicht nur für Trinkwasser – auch unsere Industrien werden davon betroffen sein.“

Nein, die These ist falsch.

Charles Fishman, Autor des Buchs „The Big Thirst: The Secret Life and Turbulent Future of Water“:

„Aus wirtschaftlicher Sicht – und damit meine ich den Preis – wird ein Liter Wasser nie mehr kosten als ein Liter Öl. Allein die USA verbrauchen innerhalb von drei Tagen mehr Wasser, als die Welt in einem Jahr Öl verbraucht. Weder die verbrauchten noch die verfügbaren Mengen lassen sich miteinander vergleichen. Auch die volkswirtschaftlichen Situationen sind nicht vergleichbar.

Preise werden nicht das Problem sein. Wasser wird nicht in Tankern von einem Teil der Welt in den anderen befördert werden. Es ist nicht möglich, 1,55 US-Dollar je Gallone Wasser zu verlangen, da dann die Weltwirtschaft zusammenbrechen würde. Viel wichtiger: Es wird auch niemals nötig sein. Wasser lässt sich durch Reinigen, Wiederaufbereiten oder sogar Entsalzen gewinnen. Die Kosten hierfür sind wesentlich niedriger, als es bei Öl heute der Fall ist. Und die Kosten für Aufbereitung und Entsalzung sinken.

Aus nicht preislicher Sicht kann man sagen, dass Wasser als Rohstoff wertvoller ist als Öl. Bei Öl handelt es sich um einen vielfach ersetzbaren Rohstoff. Somit ist Wasser wertvoller, wobei sich dieser Wert jedoch nicht preislich widerspiegelt.

Länder und Bevölkerungsgruppen müssen sich bewusst machen, dass Wasser die Grundlage ihrer Volkswirtschaften bildet und sie viel mehr in ihre Wassersysteme investieren müssen. Wasser darf aber nicht so teuer sein, dass Normalbürger sich nicht einmal ihren Grundbedarf leisten können.“

Das Potenzial von Wasser ausschöpfen – das sagt Schroders

Andy Howard, verantwortlich für das Nachhaltigkeits-Research bei Schroders, sagt, dass Anleger mit den Risiken durch Wasserknappheit zurechtkommen müssen – und gleichzeitig gilt es, die sich daraus ergebenden Chancen zu verstehen.

„Anleger sollten sich definitiv mit dem Thema Wasserknappheit auseinandersetzen, doch die Antworten sind nicht eindeutig. Wasserknappheit betrifft anders als der Klimawandel oftmals nur bestimmte Regionen, und es wird nicht immer deutlich, in welchem Ausmaß ein Unternehmen, in das Sie vielleicht investieren, dem Risiko der Wasserverknappung ausgesetzt ist.

In der Praxis bedeutet das, dass Investoren ein solides Verständnis entwickeln müssen, worin die möglichen Herausforderungen durch Wasserknappheit bestehen und inwiefern die Unternehmen ihnen gegenüber anfällig sind. Außerdem müssen sie sich darüber Gedanken machen, was solche Probleme für ein einzelnes Unternehmen bedeuten können.

Ein Getränkehersteller ist zum Beispiel ganz offensichtlich von Wasser abhängig, jedoch nicht zwangsläufig in höherem Maße als ein Unternehmen, das Wasser innerhalb seiner Versorgungskette oder im Rahmen seiner Herstellungsverfahren verwendet.

Dennoch ist es richtig zu sagen, dass der Wert von Wasser – bzw. die durch Wassermangel bedingten Kosten – hoch genug sein könnten, um sich in erheblichem Maße auf ein Unternehmen auszuwirken. Wir haben uns in der Vergangenheit schon gegen Investitionen in bestimmte Unternehmen entschieden, wenn wir das Risiko einer Wasserknappheit für sie als zu hoch bewertet haben.

Und auch wenn die Lebensnotwendigkeit von Wasser bisher an den Preisen ablesbar war, müssen wir doch neue Wege finden, um Investitionen in Wasser zu fördern. Dadurch werden neue Chancen und Wertmöglichkeiten entstehen.

 

• Lesen Sie mehr darüber, wie Nachhaltigkeit in einer schnelllebigen Welt langfristiges Wertpotenzial schafft. 

Gemeinsame Veröffentlichung mit The Times Newspaper Limited: zum Originalartikel.

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