Professional

Ist Populismus gut für die Märkte?

Populistische politische Strömungen scheinen angesichts der Wertentwicklung bei Aktien nach dem Brexit-Votum und dem Wahlsieg von Donald Trump gut für die Märkte zu sein. Unser monatlicher Marktausblick für April 2017 analysiert dieses Thema und stellt heraus, was dabei zu beachten ist.

10.04.2017

Azad Zangana

Azad Zangana

Volkswirt

Craig Botham

Craig Botham

Schwellenländervolkswirt

Keith Wade

Keith Wade

Chefvolkswirt

Zusammenfassung

  • Populistische politische Strömungen scheinen gut für die Märkte zu sein – im Anschluss an das Brexit-Votum und den Wahlsieg von Donald Trump legten sie deutlich zu. Wenn man jedoch etwas weiter in die Zukunft blickt, dann führt eine auf die Beschränkung des Handels und der Migration abzielende Politik zu Stagflation¹ – ein für die Märkte ungünstiges Ergebnis.
  • Die Aufmerksamkeit der Anleger ist nun auf die französischen Präsidentschaftswahlen gerichtet, wobei wir bei unserem Basisszenario nach wie vor von einer Niederlage von Le Pen ausgehen. Unterdessen schlägt die Europäische Zentralbank EZB allmählich restriktivere Töne an, allerdings erwarten wir kurzfristig keine geldpolitischen Maßnahmen.
  • In Großbritannien beschleunigt sich die Inflation rapide. Obwohl unter den Entscheidungsträgern der Bank of England mittlerweile ein geldpolitischer „Falke“ auszumachen ist, dürfte ihre Strategie unverändert bleiben.
  • Der internationale Handel und Schwellenländeraktien verzeichneten 2017 gleichermaßen einen Anstieg, jedoch glauben wir nicht, dass er langanhaltend ist. Stattdessen erscheint er uns als kurzfristige zyklische Erholung, die voraussichtlich in Richtung der zweiten Jahreshälfte abebben wird.

Ist Populismus gut für die Märkte?

Populistische politische Strömungen scheinen angesichts der Wertentwicklung bei Aktien nach dem Brexit-Votum und dem Wahlsieg von Donald Trump gut für die Märkte zu sein. Dabei sollte jedoch beachtet werden, dass sich die Bedingungen für eine Rallye (gemäßigte Signale der US-Notenbank Fed und Anzeichen einer weltweiten Erholung) bereits im vergangenen Sommer abzeichneten, noch vor diesen beiden Ereignissen.

Eine populistische Weltwirtschaft: fragmentiert und inflationsanfälliger

Was ist von einer Weltwirtschaft zu erwarten, in der Populisten das Sagen haben? Wie könnten die Märkte reagieren? Eine mögliche Sichtweise besteht darin, den Populismus als eine Umkehr der Globalisierung zu betrachten. Man stelle sich nur eine Weltwirtschaft mit wesentlich mehr Beschränkungen des Handels und der Mobilität auf dem Arbeitsmarkt vor. In einer solchen Welt würden wir auf globaler Ebene einen schwächeren Handel und ein schwächeres Wachstum erwarten, da die errichteten Barrieren auch Gelegenheiten auf den Märkten unzugänglich machen. Anstatt sich also die Vorteile der Spezialisierung und von Skaleneffekten zunutze zu machen, würden die Sektoren wieder auf ihre nationalen Volkswirtschaften zurückschrumpfen. Die Produktivität, die von der höheren Wettbewerbsintensität profitiert hat, würde sich noch weiter verlangsamen. Der Unternehmenssektor stünde dabei an vorderster Front und wäre bei der Rekrutierung von Arbeitskräften und der Einfuhr von Vorleistungen mit größeren Herausforderungen konfrontiert. Die Löhne würden wahrscheinlich stärker steigen und so Druck auf die Unternehmensmargen ausüben.

Insgesamt hätten wir es mit einem eher stagflationären Umfeld zu tun, in dem die Anleiherenditen höher und die Aktienbewertungen niedriger sind. Regionen wie Asien, die vom internationalen Handel abhängen, würden stark benachteiligt. Dies würde einen beträchtlichen Anteil der Schwellenländer betreffen, wobei sich allerdings Rohstoffproduzenten in einer besseren Position wiederfinden könnten, da ihre Exportgüter gefragt blieben und aufgrund von Befürchtungen hinsichtlich der Einführung von Kontingenten und des Verlusts des Zugangs sogar mit einem Aufschlag gehandelt werden könnten. Die zunehmende Divergenz könnte mehr Chancen an den Märkten und damit ein Umfeld schaffen, das ideal für Handelsstrategien geeignet ist, die bei hoher Volatilität erfolgreich sind. Es würden sich zudem auch spezifischere Chancen eröffnen, die durch politische Maßnahmen der Regierungen geschaffen würden, um „strategische“ Industrien zu schützen. Die Glücklichen, die als solche betrachtet würden, könnten dann die satten Gewinne der geschützten Märkte einstreichen.

Herausforderungen in den USA und in Europa, Asien als Verfechter der Globalisierung

Wenn wir uns wieder der unmittelbaren Situation zuwenden, dann zeichnen sich einige dieser Trends in den USA und Großbritannien bereits ab. In Europa gewinnen populistische Parteien in Frankreich, Deutschland und Italien an Beliebtheit, und es besteht die Möglichkeit, dass sich die etablierten Parteien einige der Positionen der Populisten zu eigen machen, wie wir es in Großbritannien erlebt haben. Wenn wir über die USA und Europa hinausblicken, ist Asien weiterhin relativ frei von populistischen Einflüssen. Während der Westen möglicherweise protektionistischer wird, könnte sich der Osten mit dem kommunistischen China an der Spitze zum Verfechter des freien Handels entwickeln.

Eurozone: Frankreich steht kurz vor der Präsidentschaftswahl, EZB überdenkt Strategie

Das politische Risiko verlagert sich von den Niederlanden nach Frankreich

Der Populismus erlitt im vergangenen Monat einen erheblichen Rückschlag, als die rechtsextreme Partei für die Freiheit (PVV) bei der niederländischen Parlamentswahl deutlich schlechter abschnitt als die den Ministerpräsidenten stellende Volkspartei für Freiheit und Demokratie (VVD). Nun richten sich alle Augen auf die französische Präsidentschaftswahl. Unsere Basisprognose geht davon aus, dass entweder Emmanuel Macron von En Marche! oder François Fillon (der republikanische Kandidat) siegreich gegen Marine Le Pen vom Front National aus der Wahl hervorgehen und damit eine potenzielle Instabilität der Märkte vermieden wird. Die Anleger dürften sich in diesem Fall wieder europäischen Aktienwerten zuwenden. Wenn jedoch Le Pen entgegen allen Erwartungen den Wahlsieg erringen sollte, dann werden die Anleger aufgrund von Befürchtungen bezüglich eines möglichen Euro- und EU-Ausstiegs Frankreichs voraussichtlich die Flucht ergreifen.

Der Ruf der EZB-Falken

An den Märkten kreisen die Gerüchte, dass die EZB als Reaktion auf den jüngsten Anstieg der Inflation einen zunehmend restriktiven Kurs einschlagen wird. Allerdings ist die höhere Inflationsrate auf vorübergehende Faktoren zurückzuführen und wird aller Voraussicht nach wieder auf ein niedrigeres Niveau absinken. Der Ton der EZB dürfte dann ausgeglichener werden und könnte gegebenenfalls sogar erneut in eine gemäßigtere Politik umschlagen. Wir erwarten weiterhin, dass die EZB eine Senkung der monatlichen Ankäufe ab Anfang 2018 ankündigen wird, wobei wir damit rechnen, dass die Anleihekäufe bis Ende des Jahres komplett auslaufen werden. Es ist jedoch anzumerken, dass es zur Verlängerung oder sogar Erweiterung des Unterstützungsprogramms der EZB kommen dürfte, um der Stimmung Auftrieb zu verleihen, falls sich bei der Wahl in Frankreich eine Überraschung ergibt.

Großbritannien: Kehrtwendungen bei der Haushaltsplanung und das Aufflammen der Inflation

Der Haushaltsplan für 2017 fiel weitestgehend wie erwartet aus: Er beinhaltete eine angehobene Wachstumsprognose und kaum Pläne zur Reinvestition der Überschüsse, die der Schatzkanzler vorfand. Dennoch verursachte der Haushalt ein politisches Erdbeben und letztendlich eine peinliche politische Kehrtwende. Unterdessen nimmt die Inflation in Großbritannien rasant Fahrt auf (aufgrund der Inflationsdynamik bei Energie und eines schwächeren Pfunds), und am Horizont zeichnet sich ein weiterer Anstieg ab. Auch wenn sich mittlerweile ein Falke unter die Entscheidungsträger der Bank of England gesellt hat, wird diese ihre geldpolitische Strategie angesichts des Fehlens nennenswerter Lohnzuwächse aller Wahrscheinlichkeit nach unverändert lassen. Letzten Endes bezweifeln wir, dass die Bank of England vor dem Hintergrund der steigenden Inflation und des dadurch geschmälerten verfügbaren Realeinkommens der privaten Haushalte weiteren Druck durch ein Anheben des Leitzinses ausüben möchte.

Der weltweite Aufschwung und die Rallye in den Schwellenländern

2017 hat stark begonnen, wobei das Wachstum robust scheint, was wiederum dem Welthandel zugutekommt. Diese Entwicklung fiel zeitlich mit einer Belebung der Aktienmärkte, insbesondere in den Schwellenländern, zusammen.

Kann die Handelsdynamik fortbestehen oder sich sogar noch verstärken?

Bei der Beurteilung, ob damit die Rückkehr zur „guten alten Zeit“ mit regerer Aktivität in den Schwellenländern und höheren Aktienrenditen eingeläutet wird, müssen wir uns zunächst fragen, warum es zu der jüngsten Verbesserung des Handels gekommen ist. Leider sind die verbesserten Handelswerte nicht als Ergebnis eines langanhaltenden Wandels, sondern vielmehr als Folge höherer Preise und eines stärkeren globalen Wachstums zu verstehen.

Eine kontinuierliche Verbesserung erscheint bei beiden Faktoren unwahrscheinlich. Obgleich wir eine leichte Beschleunigung sowohl des globalen Wachstums (von 2,6 % im Jahr 2016 auf 2,9 % im Jahr 2017 und auf 3 % im Jahr 2018) als auch der Inflation (auf 2,7 % in diesem Jahr von 2 % im vergangenen Jahr bei einem Rückgang auf 2,4 % im Jahr 2018) erwarten, reicht dieser Anstieg bei beiden Kennzahlen nicht aus, um unsere Prognose für das Handelswachstum wieder auf Vorkrisenniveau zu bringen.

Wie lange kann dieser Motor den Handel antreiben?

Wenn eine langfristige Erholung nicht absehbar ist, dann bedeutet dies, dass die aktuelle Verbesserung lediglich als konjunkturelle Aufhellung betrachtet werden muss. In der Tat erleben sowohl China als auch die USA derzeit konjunkturelle Aufschwünge, die den Handel ankurbeln, aber bald nachlassen dürften. Ohne die Unterstützung dieser beiden Volkswirtschaften wird der Welthandel in der zweiten Jahreshälfte 2017 zumindest wertmäßig voraussichtlich nachlassen. Das würde auch Schwellenländeraktien in Mitleidenschaft ziehen.

Eine Hoffnung liegt jedoch in den Anzeichen einer Verbesserung bei den Investitionsausgaben in Deutschland und Japan, durch die der Welthandel weiter zulegen könnte (sofern man die Zeichen optimistisch deutet). Es scheint wahrscheinlich, dass die Nutznießer unter den Schwellenländern in diesem Fall wechseln würden. Historisch betrachtet korrelieren Investitionen in der Eurozone stärker mit Exporten in die Zone aus der Region EMEA und Asien als mit Exporten aus Lateinamerika. Asien profitiert zudem am meisten von einer Wiederbelebung der japanischen Wirtschaft. Falls es daher beim Wachstum dazu kommt, dass die USA und China auf den Spitzenpositionen von Deutschland und Japan abgelöst werden, dann erscheint eine Underperformance Lateinamerikas naheliegend.



1 Es handelt sich dabei um eine wirtschaftliche Situation, in der das Wirtschaftswachstum zurückgeht, während die Inflation steigt