Vier Anlagestrategien, die im aktuellen Umfeld nicht vergessen werden sollten
Aufgrund der makroökonomischen Ungewissheit flüchteten die Anleger 2023 scharenweise in Barmittel, die Geldmärkte und Staatsanleihen. Neben den herkömmlichen Aktien- und Anleihestrategien gibt es jedoch einige weniger bekannte Anlagestrategien, die in schwierigen Zeiten in Erwägung gezogen werden sollten.
Anfang 2023 hatte kaum jemand mit dem enormen Anstieg der Aktien in der ersten Jahreshälfte gerechnet. US-Aktien legten bis Ende Juli um über 20 % zu, und ihre europäischen Pendants lagen nur knapp dahinter.
Die makroökonomische Unsicherheit bezüglich Inflation, Zinsen und Unternehmensgewinnen hat dazu geführt, dass nervöse Anleger risikoreichere Anlagen vermieden und auf Sicherheit setzten. In der Folge kam es in diesem Zeitraum zu enormen Mittelflüssen in Barmittel und Anleihen mit geringer Duration. Laut der Bank of America dürften Geldmarktfonds und Staatsanleihen dieses Jahr Mittelzuflüsse in Rekordhöhe verbuchen.
Viele Investoren stehen im Spannungsfeld zwischen den attraktiven Renditen von Staatsanleihen und Barmittel, sinkenden, aber immer noch hohen Zinsen und der Notwendigkeit, reale Erträge für ihre Kunden zu generieren.
In diesem Umfeld gibt es zahlreiche Strategien und Anlageklassen, bei denen sich ein zweiter Blick (wieder) lohnen könnte. Im Folgenden gehen wir auf vier dieser Chancen ein:
- Versicherungsbezogene Anlagen
- Verbriefungen
- Call-Overwriting
- Erneuerbare Infrastruktur
Versicherungsbezogene Anlagen (ILS)
Als variabel verzinsliche Instrumente haben ILS eine kurze Zinsduration, sodass sie von den jüngsten Turbulenzen am Anleihemarkt relativ unberührt blieben. Wenn der Inflationsdruck anhält – wovon die meisten großen Zentralbanken ausgehen –, könnten die Zinsen noch länger auf ihrem hohen Niveau verharren. Mehrere Zinserhöhungen werden sich auf die ILS-Anleger aufgrund ihres Kupons niederschlagen.
Kurz gesagt: Der aktuelle Markt ist einer der attraktivsten Märkte für Investitionen seit dem Bestehen des ILS-Marktes, da sich die Renditen auf einem Rekordniveau befinden.
Die Hauptfaktoren für die aktuelle Marktdynamik:
- Die Nachfrage nach Rückversicherungen übersteigt das Angebot auf dem herkömmlichen und auf dem ILS-Markt.
- Die Rentabilität auf dem herkömmlichen und dem ILS-Markt blieb in den vergangenen Jahren hinter den Erwartungen der Anleger zurück. Diese beiden Aspekte darüber haben dazu geführt, dass der Spread heute im Verhältnis zum erwarteten Verlust auf einem Rekordniveau liegt.
- Höhere Zinsen führen zu höheren Renditen (die große Mehrheit der ILS-Anlagen bezieht eine zinsbezogene Rendite auf das investierte Kapital in Katastrophenanleihen wie auch privaten ILS).
Deshalb übersteigt die Nachfrage an Rückversicherungen das Angebot:
- Die Versicherungswerte steigen aufgrund des Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums weltweit sowie aufgrund der Inflationseffekte.
- Das Versicherungs- und Rückversicherungskapital hat sich nicht im gleichen Maße erhöht, sodass sich eine Versicherungslücke ergeben hat.
- In den vergangenen Jahren hat weltweit eine offenbar erhöhte Verlustaktivität stattgefunden – insbesondere treten kleine und mittlere Schadenereignisse häufiger auf. Dies hat zu unerwartet niedrigen Renditen für die Anleger auf dem herkömmlichen wie auch dem ILS-Markt geführt.
- Die Risikobereitschaft unter den Rückversicherern wird durch die der Aktienanleger, Aktienanalysten und Kreditratingagenturen eingeschränkt.
- Dahinter stehen der Klimawandel und seine Auswirkungen auf die Häufigkeit und Schwere von Naturkatastrophen. Diese werden bei der Beurteilung des Risikos von Transaktion zu Transaktion berücksichtigt.
- Wenn die Nachfrage nach Rückversicherungen das Angebot übersteigt, so steigt auch die Risikotransferprämie so lange, bis das Ungleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot abnimmt.
Verbriefungen
Mit Verbriefungen können Anleger eine Rendite von 8 % auf ein mit AA bewertetes Investment-Grade-Portfolio mit einer Nullduration und einer geringen Korrelation zu Unternehmensanleihen erzielen.
Bei der Verbriefung werden die Cashflows von verschiedenen Darlehen, wie Hypotheken, Auto-Darlehen und Kreditkartenzahlungen, in Anleihen gebündelt. Die größten Verbriefungssektoren sind hypothekenbesicherte Wertpapiere und forderungsbesicherte Wertpapiere.
Die Chancen auf dem heutigen Verbriefungsmarkt sind enorm, da die zwei größten Käufer der letzten 15 Jahre, nämlich die US-Notenbank Fed und die Banken, auf dem Markt nicht mehr präsent sind. Dadurch ist ein Vakuum entstanden: Willige Käufer können erhebliche diversifizierte Erträge auf hochqualitative Anlagen erzielen, ohne die Duration zu erhöhen oder Liquidität aufgeben zu müssen.
Neben der technischen Chance von heute bieten Verbriefungsstrategien auch andere inhärente Vorteile, die vor dem gegenwärtigen makroökonomischen Hintergrund wertvoll sind:
- Zugang zu durch Sachwerte besicherte und diversifizierte Cashflows gegenüber herkömmlichen Anlageklassen.
- Engagement in den Verbraucher-, Wohnungsbau- und Immobiliensektoren, die grundsätzlich stark sind.
- Struktur: Engagement in Tausenden von zugrunde liegenden Darlehen, wodurch die titelspezifischen Risiken gemindert werden, und struktureller Schutz – hoch oben im Kapitalstapel.
- Amortisierung: Dadurch wird Liquidität bereitgestellt und die Struktur im Laufe der Zeit entschuldet.
- Geringe Duration: variabel verzinsliche Wertpapiere mit geringer Zinssensibilität.
Erneuerbare Infrastruktur
Vor dem schwierigen wirtschaftlichen Hintergrund der steigenden Rezessionsgefahr sind besonders die geringe Volatilität und die defensiven Eigenschaften von nachhaltiger Infrastruktur interessant.
Der Sektor bietet ein stabileres Ertragswachstum, geringere Preisvolatilität und bessere langfristige Sharpe Ratios (ein Messwert für risikobereinigte Renditen).
Wie aber sieht eine Strategie für erneuerbarer Infrastruktur aus? Sie besteht aus Anlagen in börsennotierten Eigentümern von wirtschaftlicher Infrastruktur, die sich zu den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) verpflichtet haben und/oder zu einem Umweltziel beitragen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf regulierten Versorgern (Strom- und Wasserversorger), CO2-armem Transport (Bahn) und Telekommunikation (Türme).
Da die Inflation allem Anschein nach beharrlich hoch bleibt, rücken die inflationsabsichernden Elemente der Infrastruktur in den Vordergrund. Die Unternehmen können in der Regel die Auswirkungen der Inflation über die Kosten ihrer Dienstleistungen weitergeben (oft mit einer Weitergabe der Fremdkapitalkosten). Der Sektor zeigt in Zeiten erhöhter Inflation für gewöhnlich eine überdurchschnittliche Entwicklung (selbst bei fallender Inflation).
Börsennotierte Unternehmen aus dem Infrastruktursektor bieten zudem einen Liquiditätsvorteil gegenüber nicht börsennotierten Pendants sowie die Möglichkeit einer Bewertungsarbitrage. Börsennotierte Infrastrukturunternehmen blieben in jüngster Zeit hinter dem MSCI World und hinter nicht börsennotierten Infrastrukturunternehmen zurück, und dies trotz einer soliden langfristigen Wertentwicklung und der Korrelation zwischen börsennotierten und nicht börsennotierten Infrastrukturunternehmen.
Die Jahresausgaben in den Sektoren Wasser-, Bahn- und Telekommunikationsinfrastruktur müssen um mehr als 15 % vom aktuellen Stand aus steigen, damit die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung erreicht werden können.
Das Niveau der Investitionsausgaben hat unseres Erachtens einen Wendepunkt erreicht. Die Ursache dafür sind Systeme, die Schwierigkeiten haben, sich an die enormen transformativen Änderungen anzupassen, wie die Energiewende, die Bekämpfung der Umweltverschmutzung, das Wachstum bei Streaming und KI.
Dieser Wendepunkt fällt bei den Ausgaben für die Stromübertragung besonders drastisch aus. Während der US Inflation Reduction Act (IRA) zu einer enormen Zunahme bei den Investitionen in erneuerbare Energien führt, besagen Prognosen, dass über 80 % der potenziellen Emissionseinsparungen durch den IRA im Jahr 2030 verloren wären, wenn der Ausbau der Übertragungsinfrastruktur in den USA beim jüngsten historischen Tempo von 1 % jährlich bleiben würde. Die globalen Ausgaben für Stromnetze (Verteilung und Übertragung) müssen von 2 % jährlich zwischen 2010 und 2020 auf 9 % jährlich zwischen 2020 und 2030 erhöht werden.
Der Bedarf an Infrastrukturausgaben wird zwischen 2016 und 2040 schätzungsweise 94 Mrd. US-Dollar erreichen, wobei die Investitionslücke 15 Mrd. US-Dollar betragen wird. Über 60 % des Investitionsbedarfs wird Schätzungen zufolge auf die Strom-, Telekommunikations-, Bahn- und Wassersektoren entfallen.
Call-Overwriting
Das Call-Overwriting ist ein äußerst effektives Ertragsinstrument, das gerade jetzt der Zeitpunkt günstig ist. Erstens können Call-Overwriting-Strategien Aktienportfolios einen Mehrwert bieten, wenn die Märkte nach unten oder seitwärts tendieren oder langsamer steigen. Zweitens sind Call-Overwriting-Strategien effektiv Volatilitätsverkäufer, die in ungewissen Zeiten tendenziell zulegen.
Beim Call-Overwriting geht es um den Verkauf einer Kaufoption auf eine Aktie oder einen Index, die der Anleger hält. Beim Verkauf von Kaufoptionen aus dem Geld behält der Verkäufer den potenziellen Kapitalzuwachs bis zu einem gewissen Niveau (Ausübungskurs). Aber der potenzielle Zuwachs über diesem Niveau (über einen festgelegten Zeitraum) wird im Gegenzug für eine Upfront-Zahlung verkauft. („Aus dem Geld verkaufen“ bedeutet, dass der Basiskurs einer Aktie oder eines Index unter dem Ausübungskurs an dem Punkt liegt, an dem die Option verkauft wird – deshalb profitiert der Fonds weiter von einem Kursanstieg bis zum Ausübungskurs.)
So wird bei einer Call-Overwriting-Strategie ein gewisser potenzieller Kurszuwachs gegen die Sicherheit einer sofortigen Ertragszahlung eingetauscht.
Durch diesen „Tausch“ unterscheiden sich solche Strategien strukturell von reinen Aktienfonds. Außerdem bedeutet dies, dass wir bei stark steigenden Märkten erwarten würden, dass die Strategien eine schlechtere Entwicklung als das gleiche Aktienmodell ohne Optionen zeigen.
Wenn Aktienpreise nicht über den Ausübungskurs steigen (also potenziell in fallenden, seitwärts tendierenden oder langsam steigenden Märkten), kann die Optionsstrategie zur Wertentwicklung beitragen. Grund dafür ist, dass die Strategien die Upfront-Optionsprämien haben, und wenn die Aktien unter den Ausübungskursen bleiben, gibt es keine auf die Optionen zu zahlenden Abrechnungen. Ein Gewinn bis zur Höhe des Ausübungskurses wird für den Fonds einbehalten.
In den letzten Jahren konnten diese Strategien ihre Ertragsanforderungen erfüllen. Gleichzeitig ergab sich eine zusätzliche Wertentwicklung aus den Optionen oder eine solide Beteiligung an der Aufwärtsentwicklung der Aktienmärkte, wenn diese wieder zulegten.
Derzeit lassen sich durch Anlagen in ertragsstarke Aktien mit einer Call-Overwriting-Strategie in den USA beispielsweise Dividendenrenditen von 5 % erzielen (die Dividendenrendite des Index liegt derzeit bei 2 %).
Man kann sogar Aktien in einer Erträge generierenden Strategie halten, die keine Dividenden zahlen, und trotzdem eine Rendite daraus generieren – beispielsweise durch das Halten von Aktien der großen US-Technologieunternehmen zur Marktgewichtung.
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