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Was die Maßnahmen zur Bekämpfung von Fettleibigkeit und die "National Food Strategy" in Großbritannien für Unternehmen bedeuten

Gesunde und bezahlbare Lebensmittel bilden den Mittelpunkt der auf die Bekämpfung von Fettleibigkeit ausgerichteten Maßnahmen und Empfehlungen der britischen Regierung. Welche Auswirkungen könnte dies auf die Lebensmittel- und Gaststättenbranche haben?

14.10.2020
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Authors

Jo Marshall
Investment Writer

Zahlreiche Studien legen nahe, dass übergewichtige oder fettleibige Menschen ein höheres Risiko aufweisen, infolge von Covid-19 schwer zu erkranken oder gar zu sterben. 

Deshalb hat die britische Regierung etliche Maßnahmen zur Bekämpfung von Fettleibigkeit beschlossen. Die ersten Empfehlungen der "National Food Strategy" wurden bereits der britischen Regierung vorgelegt. In beiden Fällen stehen gesunde und bezahlbare Lebensmittel im Mittelpunkt.

Der Nachhaltigkeitsanalyst Louise Wihlborn hat mit uns darüber gesprochen, was die Ziele dieser Initiativen sind und inwiefern sie die Lebensmittel- und Gaststättenbranche beeinflussen könnten.  

Welche Maßnahmen zur Bekämpfung von Fettleibigkeit plant die britische Regierung konkret?

„Die Regierung plant folgende Maßnahmen:

- Verbot von Fernseh- und Online-Werbung für Lebensmittel mit einem hohen Fett-, Zucker- oder Salzgehalt vor 21 Uhr (möglicherweise auch zu allen Tageszeiten)

- Pflicht zur Angabe des Kalorienwerts auf den Speisekarten im Gaststättensektor

- Überprüfung des aktuellen „Ampelsystems“ auf Lebensmittelverpackungen

- Beschränkung von Verkaufsaktionen für Lebensmittel mit hohem Fett-, Zucker- oder Salzgehalt, auch Angebote wie „Zwei zum Preis von einem“

Welche Unternehmen werden Ihrer Meinung nach am stärksten betroffen sein?

„Lebensmittelhersteller, Einzelhändler und Lebensmitteldienstleister, deren Umsätze zu einem Großteil auf Lebensmittel mit hohem Fett-, Zucker- oder Salzgehalt zurückzuführen sind, müssen möglicherweise infolge geringerer Verkäufe und höherer Anforderungen und Kosten im Rahmen der Forschung und Entwicklung zur Neuformulierung von Produkten und aufgrund der Befolgung strengerer rechtlicher Normen zur Zusammensetzung, Kennzeichnung und Vermarktung mit geringeren Gewinnmargen rechnen.

„Die Einführung einer Kalorienkennzeichnung würde beispielsweise dazu führen, dass sich die Verbraucher für gesündere Lebensmittel entscheiden, so dass die Verkaufszahlen zurückgehen würden. Nach der 2013 in Großbritannien eingeführten Ampelkennzeichnung gingen die Verkaufszahlen für Parmaschinken um 14 % zurück.

„Unternehmen, die sich klar zu einem Umstieg auf gesündere Optionen verpflichtet haben und die eine transparente Nährwertkennzeichnung anbieten, werden mit diesen Veränderungen am besten zurechtkommen.“

Die andere Initiative ist die sogenannte National Food Strategy. Was genau ist unter dieser Strategie zu verstehen und welche Empfehlungen gibt sie aus?

„Der regierungsseitig in Auftrag gegebene Bericht ist die erste Stufe einer jahrelangen Überprüfung des britischen Lebensmittelnetzes. Er enthält Empfehlungen für die zukünftige Lebensmittelpolitik und den zukünftigen Lebensmittelhandel. Beispiele für beachtenswerte Maßnahmen, die der britischen Regierung darin vorgeschlagen werden:

- Ausweitung der kostenlosen Schulspeisung auf alle Kinde (von 7 bis 16 Jahren), wenn ein Elternteil „Universal Credit“ (Sozialleistungen) bezieht

- Erhöhung der „Healthy Start“-Gutscheine für Lebensmittelhändler („Healthy Start“-Gutscheine sind eine Initiative des britischen Gesundheitsdienstes NHS, im Rahmen derer schwangere Frauen oder Eltern mit Kindern zwischen einem und vier Jahren beim Kauf bestimmter Grundnahrungsmittel unterstützt werden)

- Einbindung von Standards bei der Lebensmittelproduktion in Handelstarife

Die Regierung wird nach der Veröffentlichung von Teil 2 der "National Food Strategy" im Jahr 2021 einen Informationsbericht zu den Empfehlungen erstellen.“

Welche Risiken oder Chancen sind mit der Strategie für die britischen Lebensmittelunternehmen verbunden?

„Da sich die Lebensmittelhersteller und -händler bereits seit der Einführung der Zuckersteuer mit diesen Herausforderungen beschäftigen, ergeben sich die größten Risiken und Chancen durch die geplanten Maßnahmen für die Lebensmitteldienstleistungs- und Gaststättenbranche. Wer sich frühzeitig auf die neuen Gegebenheiten einstellt und sich auf gesunde und nachhaltige Lebensmittel spezialisiert, kann von dieser Entwicklung eindeutig profitieren; zu nennen sind hier insbesondere Catering-Firmen aufgrund der Empfehlung, den Anspruch auf kostenlose Schulspeisung auf alle Kinder auszuweiten.

„Auf der anderen Seite könnten eingreifende Maßnahmen im Rahmen der verpflichtenden Kalorienangaben auf Lebensmitteln und alkoholischen Getränken bei Veranstaltungen außerhalb der eigenen vier Wände sowie die Umsetzungskosten einen zusätzlichen finanziellen Druck schaffen. Dieser Aspekt ist besonders wichtig, da die meisten Unternehmen in der Lebensmitteldienstleistungs- und Gaststättenbranche von „ungesunden“ Produkten abhängig sind (z. b. zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke). Umfassende öffentliche Ausgleichsziele in dieser Hinsicht, wie die Steigerung des Absatzes gesunder Lebensmittel, wurden nicht festgelegt. 

„Wenn die Lebensmittelproduktionsstandards zum Tierwohl sowie Umwelt- und Klimaschutz in die Handelstarife aufgenommen werden, müssen alle Unternehmen genauer darauf achten, wie ihre Lebensmittel produziert und woher sie bezogen werden, um sich rechtlich und wiirtschaftlich abzusichern. Möglicherweise müssen Lieferketten sogar entsprechend diesen Themen umgestaltet werden.

„Beispielsweise könnten Unternehmen Abholzungsrisiken aufgrund ihrer Abhängigkeit von „Waldrisiko“-Rohstoffen wie Rindfleisch, Plamöl und Soja in Tiernahrung ausgesetzt sein. Die Geschäftsmodelle von nicht anpassungsfähigen Unternehmen könnten durch Liefer- und Preisprobleme zerrüttet werden.“ 

Ist Ihrer Meinung nach mit weiteren staatlichen Auflagen zu rechnen?

„Ja. Wir gehen davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren weltweit strengere Maßnahmen von staatlicher Seite zur Bekämpfung von Fettleibigkeit eingeführt werden, da die gesellschaftlichen und finanziellen Kosten im Zusammenhang mit Fettleibigkeit weiter ansteigen.

Wahrscheinlich wird es drei Schwerpunkt geben:

- Verringerung des Fett-, Zucker- und Salzgehalts von verarbeiteten Lebensmitteln. Der Schwerpunkt liegt zwar auf Zucker, doch experimentieren einige Länder (Ungarn, Mexiko und Dänemark) bereits mit breiteren Steuern auf „Junkfood“

- Die weitere Verbreitung von Ampelkennzeichnungen zum Nährwert auf der Vorderseite von Verpackungen

- Die Einschränkung von Werbung für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Salz- und Fettgehalt, insbesondere von Lebensmitteln, die sich an Kinder und Jugendliche richten. Neue Studien zeigen, dass Kinder, die 4,4 Minuten lang Lebensmittelwerbung ansehen, unter Umständen zusätzlich 60 Kalorien am Tag zu sich nehmen.“

Welche Risiken drohen Unternehmen, die jetzt nicht aktiv werden?

„Da die Behörden wie auch die Verbraucher auf diese Themen immer sensibler reagieren, drohen Unternehmen, die sich auf diese neuen Ernährungsanforderungen nicht einstellt, nicht nur rufschädigende, sondern auch finanzielle Schäden. Unternehmen, die die wachsende Nachfrage nach gesünderen Lebensmitteln seitens der Verbraucher nicht für sich zu nutzen wissen oder sich nicht frühzeitig auf weitere regulatorische Änderungen zur Verbesserung der Ernähung einstellen, könnten erhebliche Geschäftsrisiken drohen.“

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