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Covid-19 und europäische Aktien: Fragen an unsere Fondsmanager

Wir haben die Fondsmanager Martin Skanberg, Leon Howard-Spink and Paul Griffin über die Auswirkungen der Covid-19-Krise auf europäische Aktien und ihre Sicht auf die zukünftige Entwicklung befragt.

07.05.2020
italy-bergamo

Authors

Emma Stevenson
Aktienkorrespondentin
Martin Skanberg
Fondsmanager, europäische Aktien

Ebenso wie die Aktienmärkte in der übrigen Welt erlebten auch die europäischen Märkte im März einen drastischen Kurssturz, als sich das Coronavirus immer weiter in Europa verbreitete. Seither haben sich die Aktienmärkte wieder ein wenig von ihren Tiefständen im März erholt, aber die Aussichten sind weiterhin ungewiss, da die Volkswirtschaften immer noch im Lockdown sind.

Wir haben mit drei europäischen Fondsmanagern über ihre Einschätzung der aktuellen Lage und die Zukunftsaussichten gesprochen.

Wie haben sich europäische Aktien bislang in der Coronakrise entwickelt?

Martin Skanberg: „Es waren einige extrem volatilie Monate. Nachdem der MSCI Europe Index 2019 einen Gewinn von 26 % verbucht hatte, ist er im laufenden Jahr nun bereits um 19,0 % gefallen (Stand: 27. April).“

„Innerhalb des Marktes war die Wertentwicklung von Sektor zu Sektor sehr unterschiedlich. Sektoren, die in der Regel als besonders wachstumsstark und/oder defensiv gelten, wie etwa Technologie, Gesundheit und Basiskonsumgüter, haben sich als relativ widerstandsfähig erwiesen. Wie nicht anders zu erwarten, gerieten besonders stark vom Wirtschaftsumfeld abhängige Sektoren, wie etwa der Finanz-, Energie- und Industriesektor, ins Hintertreffen.“

Uneinheitliche Wertentwicklung der Sektoren

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Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Massstab für zukünftige Erträge und kann möglicherweise nicht wiederholt werden. Quelle: Thomson Reuters, Schroders, Stand: 17 April.

Leon Howard-Spink: „Der Gesundheitssektor hat sich im Allgemeinen gut behauptet. Innerhalb des Sektors gibt es hochspezialisierte Nischenunternehmen mit überdurchschnittlicher Wertentwicklung. In Europa haben beispielsweise führende Unternehmen für intensivmedizinische Ausrüstung, unter anderem für Ventilatoren, sowie auf Tests und Impfungen spezialisierte Unternehmen ihren Sitz. Derartige Unternehmen sind verständlicherweise besonders gefragt.“

„Andere widerstandsfähige Nischen gibt es in der Lebensmittelproduktion und der Halbleiterbranche. Auch das sind wichtige Branchen, die ihren Betrieb weiterführen dürfen und eine hohe Nachfrage erleben.“ 

Welche Auswirkungen hat die Krise auf die Unternehmensgewinne?

Martin: „Der Markt wird sich in kurzfristig darauf konzentrieren, wie schnell die Unternehmensgewinne herabgestuft werden. Mit Sicherheit werden es einige Sektoren schwerer haben als andere. Energieunternehmen beispielsweise müssen einen Einbruch der Ölpreise infolge des Überangebots und Lagerkapazitätsproblemen sowie die dramatisch gesunkene Nachfrage wegen der Covid-19-Lockdowns verkraften.“

„Im Durchschnitt wurden die Unternehmensgewinne in der Region bislang um 14 % nach unten korrigiert, was aber noch lange nicht an die Verluste während der globalen Finanzkrise 2008-2009 heranreicht. Wahrscheinlich wird es jedoch nicht dabei bleiben, zumal wir uns noch mitten in der Krise befinden und immer noch nicht feststeht, wann die Unternehmen wieder zu ihrem normalen Geschäftsbetrieb übergehen können.“

Welche Auswirkungen hat die Krise auf die Dividenden und die Finanzkraft der Unternehmen?

Martin: „Viele Unternehmen haben ihre Dividendenzahlungen bereits auf einen späteren Zeitpunkt verschoben oder gekürzt, und mit weiteren Kürzungen ist zu rechnen. Auch hier dürften der Energiesektor sowie der Finanz- und der Industriesektor am stärksten betroffen sein.“

Leon: „Es gibt viele spezifische Branchen, die direkt von der Krise betroffen sind, darunter die Reise- und Freizeitbranche, der Bekleidungssektor sowie Einzelhandels- und Vertriebsunternehmen. Bei einigen Unternehmen in diesen Bereichen ist der Umsatz völlig weggebrochen. Für uns stellt sich hier die Frage, wie lange sich diese Unternehmen halten können, und welche Risiken im Zusammenhang mit dem Verstoss gegen Kreditbedingungen (d. h. den von den Kreditgebern vorgeschriebenen Regeln) bestehen. Viele derartige Unternehmen könnten nach dem erneuten Hochfahren der Volkswirtschaften von der aufgestauten Nachfrage profitieren.“

Paul Griffin: „Einige Unternehmen werden nicht nur Dividendenzahlungen aufschieben oder kürzen, sondern sich auch refinanzieren und Kapital beschaffen müssen. Unternehmen, deren Bilanzen noch im Januar dieses Jahres grundsolide waren, müssen nun Dividendenausschüttungen und Aktienrückkäufe streichen und stattdessen neues Kapital beschaffen. Das ist eine harte Schicksalswende. Dabei werden zyklische Unternehmen, die bereits stärker fremdfinanziert (verschuldet) waren, zweifellos mit grösseren Schwierigkeiten zu kämpfen haben.“

Wie wirken sich die von den Regierungen und Zentralbanken angekündigten Massnahmen aus?

Leon: „Im Gegensatz zur globalen Finanzkrise 2008-2009 haben die Behörden diesmal sehr schnell Unterstützungsmassnahmen für Unternehmen und Privathaushalte in Aussicht gestellt. Das hat dazu beigetragen, die im vergangenen Monat aufgetretenen extremen Marktschwankungen wieder zu verringern.“

Martin: „Die geldpolitischen Massnahmen hatten vorwiegend zum Ziel, die Kreditlinien offen zu halten, was für die Unternehmen von wesentlicher Bedeutung ist. In Europa wurden unterschiedliche Maßnahmen ergriffen, die von Lohnsubventionen bis hin zu Mietzahlungen reichten. Man muss sich jedoch bewusst machen, dass diese Massnahmen eher dazu gedacht sind, Einkommenseinbussen zu kompensieren und nicht auf die Wachstumsförderung abzielen.“

Die Volatilität hat nachgelassen – ausgehend von einem hohen Niveau

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Quelle: Thomson Reuters, Schroders. Der grüne Punkt markiert die Volatilität per 17. April 2020.

Wie haben sich Wachstums- und Substanzaktien während der Krise entwickelt?

Martin: „Wachstumswerte entwickelten sich bislang über einen längeren Zeitraum besser als Substanzwerte, und daran hat sich auch während der jüngsten Marktturbulenzen nichts geändert. Daraus ergeben sich hohe Aufschläge für Wachstums- und Substanzunternehmen. Bedeutet das, dass Substanzwerte eine gute Anlagegelegenheit sind? Falls sich die Wirtschaft nach der Aufhebung der Lockdowns und der Wiederaufnahme der Geschäftstätigkeit erholt, könnten sich konjunktursensible Aktien erneut aufwärts entwickeln. Hier stellt sich die Frage, ob sich Gelegenheiten bei einigen zyklischen Aktien höherer Qualität bieten.“

Leon: „Meiner Ansicht nach wird das Thema Substanz und Wachstum oft missverstanden. So haben sich beispielsweise in den USA eine Reihe von Wachstumsaktien, die so genannten FAANGs (Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google), in den letzten Jahren hervorragend entwickelt, sodass sie inzwischen einen wesentlichen Teil des S&P 500 ausmachen. Die FAANGs haben jedoch das Wachstum nicht allein für sich gepachtet.“

„Und unter „Substanz“ fallen nicht nur problematische Sektoren wie Erdöl, Automoblie oder Banken. Es kommt darauf an, die einzelnen Aktien zu betrachten und zu bewerten, wie gut ihre Wachstumsaussichten sind, und auf dieser Grundlage das Wertpotenzial des Aktienkurses zu bestimmen. Wir suchen nach Unternehmen, die durchgängig hohe Kapitalrenditen erwirtschaften oder bei deren Renditen noch Spielraum nach oben besteht.“

Wachstumsaktien entwickeln sich weiterhin besser als Substanzaktien

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Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Massstab für zukünftige Erträge und kann möglicherweise nicht wiederholt werden. Quelle: Thomson Reuters, Stand: 31. März 2020. Nur zur Veranschaulichung – keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Anlagen. Die Grafik stellt das relative Kurs-Gewinn-Verhältnis für die kommenden 12 Monate dar.

Wo bieten sich Ihrer Meinung nach derzeit Gelegenheiten?

Leon: „Einige Unternehmen der Gesundheitsbranche verzeichnen gegenwärtig eine hohe Nachfrage, was nach meinem Dafürhalten auch nach der aktuellen Krise so bleiben wird. In dieser Krisensituation hat sich deutlich gezeigt, in welchen Ländern das Gesundheitssystem auf eine Pandemie vorbereitet war und in welchen nicht. Ich rechne mit langfristig höheren Gesundheitsausgaben, weil die Regierungen dafür sorgen möchten, dass das Gesundheitssystem künftig besser ausgerüstet ist.“

Martin: „Dazu kommt noch, dass wir uns im Gesundheitswesen mitten in einer Innovationsphase befanden, die spannende Anlagechancen bietet. In vielen Fällen ist das künftige Wachstumspotenzial solcher Unternehmen meiner Ansicht nach nicht angemessen in ihren Marktbewertungen berücksichtigt.“

„Der Technologiesektor ist im Hinblick auf Software ein weiterer solcher Bereich, aber auch was die Nachfrage nach Halbleitern anbelangt. So wird die Umstellung auf Elektrofahrzeuge mit einer höheren Nachfrage nach Stromchips einhergehen.“

„Umstrukturierungen, mittels derer sich die Unternehmen auf neue Herausforderungen einstellen, werden ebenfalls weiterhin eine Fülle von Anlagegelegenheiten bieten.“

Leon: „Entscheidend ist, dass sich Anlagemöglichkeiten auf Einzeltitelebene bieten. Die Unternehmen mit dem grössten Potenzial für ein nachhaltiges Wachstum sind diejenigen, die auf Trends setzen, die in vielerlei Hinsicht unabhängig sind vom allgemeinen Wirtschaftswachstum. Ein geändertes Konsumverhalten, ein höherer Bedarf nach Tests und Sicherheitsgarantien, der Umstieg auf erneuerbare Energien – das sind Beispiele für Trends, die potenziell ein stärkeres Wachstum bieten.“

Welche Zukunft hat nachhaltiges Investieren aus Ihrer Sicht?

Leon: „Die gegenwärtige Krise könnte als Katalysator wirken und bereits bestehende Trends beschleunigen. Dabei könnten durchaus auch ESG-Faktoren (Umwelt, Soziales und Governance) stärker in den Mittelpunkt rücken. Möglicherweise gibt es Spielraum für höhere Investitionen in umweltschonendere Verkehrsmittel wie Elektroautos und Hochgeschwindigkeitszüge. Auch der Umstieg auf erneuerbare Energien und energieeffiziente, langlebigere Gebäude könnte schneller vorangetrieben werden. In der aktuellen Krise kann sich der Kapitalismus bewähren: Indem dafür gesorgt wird, dass in den richtigen Bereichen in die Zukunft investiert wird.“

Martin: „Das CO2-Bewusstsein im persönlichen Bereich ist stärker geworden, ist aber mittlerweile auch ein gesamteuropäisches Thema. Die Europäische Kommission hat ihren „Grünen Deal“ vorgeschlagen, und es gibt zahlreiche Unternehmen, die davon profitieren könnten.“

Könnte die aktuelle Krise zum Zusammenbruch der Eurozone führen?  

Martin: „Die Krise hat die Wirtschaft zu einem abrupten Stillstand gebracht, was jede Gesellschaft und jede Institution stark belastet. Es trifft auch zu, dass einige Länder, wie zum Beispiel Italien und Spanien, stärker in Mitleidenschaft gezogen wurden als andere, weshalb Solidarität ein entscheidender Faktor ist. Ein Zusammenbruch scheint plausibel, wir müssen jedoch auch zur Kenntnis nehmen, dass die Europäische Zentralbank eine sehr mächtige Institution ist und Unterstützungsmaßnahmen ergriffen hat.“

Paul: „Ausserdem haben in Europa notierte Unternehmen nicht ausschliesslich Auftraggeber und Kunden aus Europa. Viele davon sind internationale Unternehmen, die in vielen verschiedenen Regionen tätig sind und jeweils vor anderen Herausforderungen stehen.“

Leon: „Seit Bestehen der Eurozone befürchten Anleger ihren Zusammenbruch. Das führt oftmals dazu, dass in Europa notierte Unternehmen mit einem Abschlag zu vergleichbaren Unternehmen in anderen Regionen gehandelt werden. Wir konzentrieren uns jedoch nicht auf diesen Aspekt, weil wir ansonsten titelspezifische Chancen versäumen könnten.“

 

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