Welche Rolle kann erneuerbare Energie bei der Stärkung der europäischen Energiesicherheit spielen?

In diesem Winter droht Europa die erste schwere Energiekrise seit Jahrzehnten. Während die Verantwortlichen nach Lösungen suchen, sind erneuerbare Energien ins Zentrum der Aufmerksamkeit getreten.

18.10.2022
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Authors

Karin Kaiser
Head of Private Markets Europe
Richard Nourse
Partner, Schroders Greencoat

Mit den abnehmenden Temperaturen und da die russischen Gaslieferungen nach Europa fast vollständig eingestellt wurden, ist die Energiesicherheit nicht mehr nur ein theoretisches Thema in der Politik, sondern eine reale Gefahr für die Versorgung überall auf dem Kontinent. Seit der Zerstörung der Nordstream-Pipelines ist klarer denn je, dass es kein Zurück zur Normalität gibt. Dies hat den Fokus auf eine alternative Energieversorgung und erneuerbare Energien gelenkt.

Dass erneuerbare Energien langfristig eine wichtige Rolle im Energiemix spielen werden, steht fest. Dafür sorgen solide wirtschaftliche Grundlagen und die politischen Rahmenbedingungen. Inwieweit erneuerbare Energien den unmittelbaren Bedarf decken können, ist jedoch von Land zu Land sehr unterschiedlich.

Europäische Länder am anfälligsten für die Energiekrise

Obwohl die Gasspeicher in den meisten Ländern zu mehr als 90 % gefüllt sind, um bequem durch den Winter zu kommen (laut Reuters vom 1. November), bleibt die Energiesicherheit weiterhin ein Thema. Es wurden grosse Anstrengungen unternommen, um alternative Quellen auf der Angebotsseite zu sichern. Auf der Nachfrageseite hat sich der Block auf eine freiwillige Reduzierung des Gasverbrauchs um 15 % geeinigt, deren Auswirkungen wiederum von Land zu Land unterschiedlich sind.

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Deutschland

Vor der russischen Invasion in der Ukraine war Deutschland der grösste Importeur von russischem Gas in Europa und ist derzeit am anfälligsten. Europas grösste Volkswirtschaft sieht die Energieknappheit als eine Krise, die sich noch verschärfen wird. Deutschland hatte einige Erfolge bei der Diversifizierung seiner Gaslieferanten und konnte beispielsweise neue Verträge mit Kanada und den Vereinigten Arabischen Emiraten aushandeln. In der Zwischenzeit hat Bundeskanzler Olaf Scholz beschlossen, die Laufzeit von drei der verbliebenen Kernkraftwerke bis spätestens 15. April 2023 zu verlängern.

Schon jetzt werden Verbraucher und Kommunen durch verschiedene Massnahmen dazu angehalten, ihren Verbrauch einzuschränken. Deutschlands energieintensive Industrien, darunter Chemie- und Keramikhersteller, bewerten und kommunizieren, wie abhängig sie von russischem Gas sind. Das Land befürchtet aufgrund der hohen Gaspreise eine Welle von Insolvenzen, angefangen bei Bäckereien bis hin zu Unternehmen aus der Chemieindustrie und anderen energieintensiven Branchen.

Frankreich

Frankreich produziert mit 56 Reaktoren, welche fast die Hälfte der Energieversorgung des Landes ausmachen, von allen europäischen Ländern die meiste Kernkraftenergie und ist daher von Gas nahezu unabhängig. Allerdings wurde etwa die Hälfte der Kernkraftwerke des Landes wegen Reparaturen vom Netz genommen. Frankreich ist plötzlich ein Nettoimporteur von Strom geworden, nachdem es in der Vergangenheit ein Lieferant für seine Nachbarländer war.

Der grösste Teil der nuklearen Kapazität soll gegen Ende des Jahres wieder ans Netz gehen. Jede Verzögerung der geplanten Reparaturen könnte das Land einem ernsthaften Stromausfallrisiko aussetzen. Massnahmen zur Reduzierung der Nachfrage werden in jedem Fall der Schlüssel zur Aufrechterhaltung der Netzstabilität sein.

Italien und Spanien

Italien war nach Deutschland der zweitgrösste europäische Importeur von russischem Gas. Italien hat sich schnell um alternative Gasquellen bemüht und unter anderem einen Vertrag mit Algerien geschlossen. Das Stiefelland könnte jedoch auch von der Situation in Frankreich betroffen sein, da es in der Vergangenheit von dort Strom importierte. Sowohl Italien als auch Spanien können verflüssigtes Erdgas (LNG) aufgrund der bestehenden Infrastruktur für den Import von LNG stärker nutzen. Laut Clean Energy Wire verfügt Deutschland „nicht über eigene Verdampfungsanlagen für LNG, und Importe gelangen über die Terminals der Nachbarländer, allen voran Belgien und die Niederlande.“

Auch Spanien hat eine Reihe von Energiesparmassnahmen umgesetzt, wie zum Beispiel Einschränkungen bei der Verwendung von Klimaanlagen, denen andere Länder inzwischen gefolgt sind.

Erneuerbare im Fokus: Die Energiewende wird immer mehr zur politischen Notwendigkeit

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine hat der Energiewende neuen Schwung verliehen. Der politische Wille wächst und die Agenda zur Energiesicherheit wird auf Netto-Null ausgerichtet. Dies war das zentrale Ziel des im Mai 2022 angekündigten „RePowerEU“-Plans mit den beiden Zielen, die „Abhängigkeit der EU von russischen fossilen Brennstoffen“ zu beenden und die Klimakrise zu bewältigen.

Auf der Ebene der Haushalte wächst der Bedarf an Eigenständigkeit bei der Energieversorgung. Die jüngsten Erfahrungen der Regierungen mit Covid-19 bieten einen Bezugspunkt: Die meisten grossen Länder haben nach der Pandemie Kapazitäten zur Herstellung von Impfstoffen aufgebaut. Einen ähnlichen Effekt erwarten wir bei erneuerbaren Energien. Weil erneuerbare Energien nicht vom Ausland abhängig sind – sowie billig und kohlenstoffarm sind –, haben sie einen grossen politischen Reiz.

Längerfristiger Wachstumspfad für erneuerbare Energien ist klar vorgegeben

Auch ohne die Impulse des Russland-Ukraine-Konflikts wird für Europa in den 2020er Jahren ein deutlicher Ausbau erneuerbarer Energien prognostiziert.

Die Internationale Energieagentur schätzt, dass im vergangenen Jahr weltweit rekordhohe 290 Gigawatt an erneuerbarer Energiekapazität hinzugefügt wurden. Wenn dieser Trend anhält, könnten erneuerbare Energien bis 2026 fossile Brennstoffe und Kernenergie zusammen überholen.

Europa ist bereits eine führende globale Region für Investitionen in erneuerbare Energien und verzeichnete im Jahr 2021 ebenfalls einen sehr starken Zuwachs in erneuerbaren Energien. Der jährliche Zuwachs ist um fast 30 % gestiegen. Trotz starker Ausgangsposition erfordert die Bewältigung des neuen Problems der Energiesicherheit sowie das Erreichen der Netto-Null-Ziele Europas bis 2050 zusätzliches Kapital in Milliardenhöhe. Aurora Energy schätzt den Investitionsbedarf bis 2050 auf mehr als 1,5 Billionen Euro, wobei vor allem in diesem Jahrzehnt schnell mehr Mittel eingesetzt werden dürften. Bis 2050 werden erneuerbare Energien voraussichtlich ein Schlüsselelement der Energiesicherheit in allen grossen Volkswirtschaften in Europa sein und insgesamt 80 % zum Energiemix der Region beitragen – bei einem Strombedarf von mehr als dem 1,5-fachen des heutigen Grundbedarfs.

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Kurzfristiger Mix: Fossile Brennstoffe spielen weiterhin eine Rolle

Die kurzfristige Berücksichtigung von Energieträgern wie Kohle und Öl ist sinnvoll und notwendig zum Schutz von Leben und Existenzgrundlagen. Wir sehen an der Nutzung fossiler Brennstoffe keinen Weg vorbei, während Kapazitäten im erneuerbaren Sektor aufgebaut und in Speicherlösungen und Netzstabilität investiert werden. Europa muss in dieser Übergangszeit schnell handeln. Obwohl der Ausbau der erneuerbaren Energien durch die Energiekrise vorangetrieben wurde, bestehen weiterhin Hindernisse.

Die Genehmigung für ein Windprojekt in Europa kann bis zu neun Jahre dauern. Bei Solaranlagen sind es oft vier bis fünf Jahre. Die Regierungen haben zwar zugesagt, diese Prozesse zu beschleunigen, aber auf lokaler Ebene bedarf es konkreter Massnahmen.

Wir glauben, dass Nuklearanlagen, wenn sie sicher betrieben werden, auch aus der Klimaperspektive praktische Energieoptionen sind. Nur zwei Länder in Europa verfügen über nennenswerte Kapazitäten: Frankreich mit etwa sechzig Reaktoren und den oben beschriebenen Problemen und Grossbritannien mit fünf Anlagen. In Bezug auf die kurzfristige Energiesicherheit kann die Kernenergie wenig beitragen: Genehmigungen würden etwa fünf Jahre brauchen, während der Bau einer Anlage fünf bis zehn Jahre in Anspruch nimmt.

Zunehmende Attraktivität für Anleger: Erneuerbare bieten Ertragssicherheit in einer instabilen Welt

Trotz der Pandemie und der jetzt grösseren wirtschaftlichen Unsicherheit zeigt das Tempo der privaten Investitionen in erneuerbare Energien keine Anzeichen einer Verlangsamung.

Im Jahr 2021 erreichten die Investitionen in die globale Energiewende laut BloombergNEF 755 Mrd. US-Dollar. Zum Vorjahr legten sie damit um stolze 27 Prozent zu und übertrafen die Investitionen 2019 um mehr als 200 Mrd. US-Dollar.

Investitionen in den Sektor der erneuerbaren Energien haben sich in der Vergangenheit auf Kapitalgewinne konzentriert. Wir sehen jedoch eine Chance für Kapital, von einer anderen Form der Rendite zu profitieren – was dazu beitragen könnte, diesen Sektor in grossem Umfang auszubauen. Die Hauptmerkmale dieser Anlageklasse sind ihr geringes Technologierisiko, vorhersehbare Ressourcen und – bei einer angemessenen Verwaltung– die Vorhersehbarkeit und Sicherheit der Cashflows. Angesichts des Zusammentreffens von Krieg, wirtschaftlicher Schwäche und steigender Inflation zeigen Anleger zunehmend Interesse an stabilen Renditen.

Dieser langfristige Ansatz war ziemlich einzigartig, als wir mit dem Investieren begannen, wurde aber von unseren Kunden inzwischen angenommen. Wir sehen eine Chance in ganz Europa, den Zugang zu dieser Form der Rendite für Kunden zu erweitern, die Kapital in den Sektor investieren möchten. Konstante Renditen mögen zwar „langweilig“ sein. Aber solange es funktioniert, werden auch die Anleger zufrieden sein.

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