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Hat der Schutz der Bevölkerung vor Covid das Wachstum gestärkt?


Nachdem Großbritannien seit mehr als einem Jahr mit Lockdown-Beschränkungen lebt, wird erwartet, dass die britische Wirtschaft im nächsten Monat wieder vollständig geöffnet wird. Das ist jedoch keineswegs sicher. Denn die jüngste indische Variante von Covid-19 könnte die Pläne immer noch durchkreuzen.

Diejenigen, die sich auf die Rückkehr zu einer gewissen Normalität freuen, können sich damit trösten, dass Großbritannien bei den Impfungen weltweit in Führung liegt. Über 70 % der erwachsenen Bevölkerung Großbritanniens haben bereits eine erste Dosis des Impfstoffs erhalten.

Die raschen Impffortschritte stärken nicht nur die Hoffnung, sondern dürften auch zu einer kräftigen Erholung des BIP-Wachstums im zweiten Quartal führen.

Dies steht in krassem Gegensatz zum letzten Jahr, als Großbritannien weltweit eine der höchsten Sterblichkeitsraten wegen Covid-19 hatte. Die britische Wirtschaft erlebte auch eine der schwersten Rezessionen seit den 1920er-Jahren.

Bedeutet das nun, dass der Erfolg beim Schutz der Bevölkerung durch Impfungen auch zu besseren Wachstumsergebnissen in den betreffenden Ländern geführt hat?

Die wirtschaftlichen Folgen eines mangelnden Schutzes der Bevölkerung

Die Beziehung zwischen der Wirtschaftsleistung und dem Schutz des menschlichen Lebens vor der Pandemie wurde erstmals in der wissenschaftlichen Online-Publikation Our World in Data untersucht. Die Autoren stellten fest, dass der Einbruch der Wirtschaft in den Ländern mit den höchsten Covid-19-Sterblichkeitsraten in der Regel am schwerwiegendsten war.[1]

Abbildung 1 zeigt ein ähnliches Bild: Länder, die die Gesundheit ihrer Bevölkerung wirksamer schützten, verzeichneten im letzten Jahr in der Regel ein höheres reales BIP-Wachstum.

Wir haben die Übersterblichkeit unter die Lupe genommen, um uns ein umfassenderes Bild von den verheerenden Auswirkungen des Virus zu machen. Die Übersterblichkeit ist die geschätzte Zahl der Todesfälle infolge der Pandemie im Vergleich zur Zahl der Todesfälle, wenn Covid nie aufgetreten wäre.[2] Die Größe der Kreise in Abbildung 1 verkörpert die Bevölkerung des Landes (je größer der Kreis, desto größer die Bevölkerung).



Im Asien-Pazifik-Raum, zum Beispiel in China und Taiwan, reagierten die Behörden frühzeitig und schnell auf die Pandemie. Dadurch konnte sich die Wirtschaft in der Region früher wieder erholen. Obwohl sich China im Epizentrum der Krise befand, waren die Sterblichkeitsraten dort erheblich niedriger als in anderen Ländern und das Jahr 2020 endete mit einem positiven Wirtschaftswachstum.

Möglicherweise haben die Behörden in Asien schmerzhafte Lehren aus früheren Pandemien gezogen. So haben die chinesischen Behörden diesmal erheblich schneller Reisebeschränkungen verhängt, als beim Ausbruch des schweren Atemwegssyndroms SARS im Jahr 2003.

Im Gegensatz dazu waren die Länder mit den schwersten Konjunktureinbrüchen und den höchsten Covid-19-Sterblichkeitsraten zumeist in Europa und Amerika anzutreffen.

Obwohl Italien nach allgemeiner Ansicht eines der weltweit besten Gesundheitssysteme aufweist, litten die Wirtschaft und die Bevölkerung des Landes schwer unter der Pandemie.

Großbritannien zählte indes zu den Ländern mit der schlechtesten Wirtschaftsentwicklung im Jahr 2020. Die BIP-Zahlen verschleiern jedoch die unterschiedlichen Gesundheits- und Bildungsausgaben während des Lockdowns.[3] Daher lassen sich die offiziellen Zahlen Großbritanniens schlechter mit denen von anderen Ländern vergleichen. Trotzdem wären wir zu dem gleichen Schluss gekommen, wenn wir einen Indikator ohne diese Verzerrungen angewendet hätten, beispielsweise die Industrieproduktion.

Obwohl einige Länder, wie Russland und Südafrika, eine höhere Übersterblichkeit wegen Covid-19 aufwiesen (siehe Abbildung 1), waren die Auswirkungen auf das BIP dort weniger schwerwiegend als zum Beispiel in Großbritannien. Der Grund dafür war, dass die Lockdown-Beschränkungen in einigen dieser Länder früher gelockert wurden. So zeigt der Covid-19 Government Response Stringency Index, der die Reaktion der Politik auf die Pandemie erfasst, dass die Beschränkungen in Russland im vergangenen Sommer erheblich gelockert wurden.[4]

Es ist klar, dass die Covid-19-Sterblichkeit und die Wirtschaft von verschiedenen Faktoren beeinflusst wurden, die sich dem Krisenmanagement der politischen Entscheidungsträger entziehen. Dennoch lässt sich so auf einfache Weise veranschaulichen, dass Länder, die ihre Bevölkerung wirksamer geschützt haben, bessere Wachstumsergebnisse erzielten.

Spielt das Tempo der Impfungen eine Rolle für die Wachstumsaussichten eines Landes?

Bevor wir diese Frage beantworten, sollten wir bedenken, dass die Impffortschritte nicht der einzige Treiber für die Wachstumsaussichten eines Landes sind. Wir haben den natürlichen Grad an Immunität gegen Covid-19 in den verschiedenen Ländern nicht berücksichtigt. Dennoch ist ein Muster zu erkennen: Länder mit einer stärkeren Verbesserung der BIP-Konsenserwartungen liegen bei den Impfungen generell in Führung.[5] Insbesondere sind positivere Auswirkungen auf die Wachstumsprognosen zu beobachten, wenn mindestens 40 % der Bevölkerung die erste Impfdosis erhalten haben.

Abbildung 2 zeigt, wie sich die Konsensprognosen für das BIP-Wachstum im Jahr 2021 seit Jahresbeginn im Vergleich zum Anteil der geimpften Bevölkerung (nach der ersten Dosis) geändert haben.



Bisher haben sich die wirtschaftlichen Aussichten gewendet. Länder wie Großbritannien, die USA und Kanada, die im letzten Jahr hohe Sterblichkeitsraten durch das Virus hatten, liegen jetzt bei der Umsetzung der Impfprogramme in Führung. Die Ökonomen haben dies berücksichtigt und die Wachstumsprognosen für diese Volkswirtschaften angehoben. Staatliche Konjunkturpakete spielten ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Stärkung der Wachstumsaussichten, vor allem in den USA.

Im Vergleich dazu hatten die meisten Schwellenländer Mühe, mit den Impfungen Schritt zu halten. Eine der Ausnahmen ist Chile. Dort hat fast die Hälfte der Bevölkerung die erste Impfstoffdosis erhalten. Die Anhebung der Konsenswachstumsprognosen für Chile in diesem Jahr war eine der höchsten unter den Schwellenländern. Neben der hohen Impfrate dürfte der Anstieg der Kupferpreise die Wachstumsprognosen in Chile ebenfalls unterstützt haben, denn die Kupferexporte machen rund 10 % des BIP aus.

Mexiko ist indessen ein interessanter Fall eines Landes, in dem die Wachstumserwartungen angehoben wurden, obwohl die Impfungen vergleichsweise schleppend vorankommen. Die Experten in unserer Data Insights Unit schätzen, dass die allgemeine Herdenimmunität gegen das Virus in Mexiko erheblich höher ist. Der Grund dafür ist, dass ein großer Teil der Bevölkerung bereits eine natürliche Immunität gegen eine Infektion mit dem Virus aufweist. Dies könnte eine Erklärung für die freundlichere Wachstumsprognose liefern, selbst wenn man über die Impfraten hinwegsieht. Die Auswirkungen der Konjunkturpakete in den USA waren indes ebenfalls ein wichtiger Faktor für die Wachstumserwartungen in Mexiko.

Die Länder im asiatisch-pazifischen Raum haben ihre Bürger zwar wirksamer gegen die Pandemie geschützt, hinken bei den Impfungen aber hinterher. In diesen Ländern gab es allerdings erhebliche Unterschiede bei der Veränderung der Wachstumserwartungen in diesem Jahr. Während die Wachstumsprognosen für Neuseeland trotz der hohen Staatsausgaben gesenkt wurden, sind die Konsenserwartungen an die Wachstumsaussichten Taiwans optimistisch geworden. Ein Grund dafür könnten die jüngsten Engpässe bei elektronischen Chips sein. Diese kurbelten die Nachfrage und die Produktion im taiwanesischen Halbleitersektor an, der einen bedeutenden Beitrag zur Wirtschaft leistet.

Mit Blick auf die weitere Entwicklung könnte ein Problem für diese Volkswirtschaften darin bestehen, dass sie die Covid-Infektionen und die Sterblichkeitsraten so effektiv eingedämmt haben, dass sie die Impfung ihrer Bevölkerung möglicherweise nicht ernst genug nehmen. Ein Beispiel dafür könnte der jüngste Anstieg der Covid-19-Fälle in Taiwan sein, der die Regierung zu einer erneuten Verschärfung der Lockdown-Beschränkungen zwang. Angesichts der geringen natürlichen Immunität können diese Länder wahrscheinlich erst dann wieder vollständig öffnen, wenn ein großer Teil der Bevölkerung geimpft ist.

Die Fakten sprechen eine klare Sprache: Es liegt im Interesse der Behörden weltweit, dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung ihres Landes geimpft wird – um Leben zu retten und die Wirtschaft ihres Landes zu unterstützen, damit bessere Wachstumsergebnisse möglich werden.

[1] Quelle: Ourworldindata.org

[2] Im Hinblick auf Indien schätzen wir, dass die Übersterblichkeit auf Basis der Zahl der Covid-19-Todesfälle fünfmal höher ist, als wenn die Pandemie nicht aufgetreten wäre.

[3] Quelle: ONS

[4] Der Covid-19 Government Response Stringency Index wurde von der Universität Oxford entwickelt und besteht aus 20 Indikatoren wie Schulschließungen und Reisebeschränkungen. https://www.bsg.ox.ac.uk/research/research-projects/covid-19-government-response-tracker

[5] Hier verwenden wir BIP-Konsensprognosen von Consensus Economics, da nicht alle Länder ihre BIP-Zahlen für das erste Quartal veröffentlicht haben

 


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