5 Min | Perspektiven

Warum man die Nachhaltigkeitsbewertung nicht auslagern sollte


Anlegern, die Bewertungen zur Nachhaltigkeit eines Unternehmens erhalten wollen, stehen zahlreiche Ressourcen zur Verfügung. Am häufigsten wird dabei auf Anbieter wie MSCI, Sustainalytics und Thomson Reuters zurückgegriffen. Diese können nützlich sein, um bestimmte Sachverhalte hervorzuheben und Daten zu beschaffen. Meine Hausaufgaben erledige ich aber lieber selbst.

Aus diesem Grund greifen mein Team und ich auf unseren internen Rahmen zurück, der mithilfe des Schroders Sustainable Investment Teams entwickelt und umgesetzt wurde, um den „Sustainability Quotient“ bzw. SQ eines Unternehmens zu analysieren. Dabei handelt es sich um eines von mehreren internen Instrumenten, die bei Anlageentscheidungen helfen sollen. 

Wonach halten wir Ausschau?

Einfach gesagt verstehen wir unter „Nachhaltigkeit“ die Langlebigkeit des Geschäftsmodells eines Unternehmens. Oder noch prägnanter ausgedrückt: „Wodurch bleibt ein großartiges Unternehmen auch künftig großartig?“

Empirische Untersuchungen in Kombination mit unserer eigenen Investmentexpertise haben uns zu der Überzeugung geführt, dass Nachhaltigkeit vor allem von zwei Merkmalen abhängt. Ausschließlich Unternehmen, die a) langfristig geführt werden und b) allen Interessenvertretern Rechnung tragen, werden in der Lage sein, überdurchschnittliche Wachstumsraten und Erträge aufrechtzuerhalten.

Allerdings ist der Markt bei langfristigen Prognosen in der Regel wenig erfolgreich und seine Perspektive erstreckt sich selten auf einen längeren Zeitraum als ein paar Jahre. Außerdem tun sich die Analysten schwer damit, nichtfinanzielle Faktoren zu verstehen und bewerten, weil sich diese nicht einfach in ein Excel-Modell integrieren lassen.

Deshalb identifiziert der Markt nur selten Unternehmen, die beständig überdurchschnittliche Zuwachsraten und Erträge erzielen können, und er ist häufig nicht in der Lage, diese angemessen zu bewerten. Für Anleger wie uns ergeben sich hieraus Chancen.

Diese besonderen Unternehmen eigenhändig ausfindig zu machen und zu entscheiden, in welche letztlich investiert werden soll, ist nicht so simpel, als lediglich die Nachhaltigkeitsbewertungen von Drittanbietern heranzuziehen. Externe Berichte können für unsere eigenen Analysen durchaus nützlich sein. Sie gehen aber mit beträchtlichen Defiziten einher und sind daher mit Vorsicht zu genießen.

Das Problem externer Ratings

  1. Die Bewertungen von Drittanbietern sind rückwärtsgewandter Art. Unser Sustainable Investment Team hat Studien erstellt, die zeigen, dass Nachhaltigkeitsbewertungen einen schlechten Anhaltspunkt für künftige Kontroversen bieten und stattdessen in der Regel erst nach einem derartigen Ereignis geändert werden. Darüber hinaus werden derartige Bewertungen unter Umständen nur selten aktualisiert.
  1. Das zweite Problem besteht darin, dass die Bewertungen von Drittanbietern uneinheitlich sind. Jeder externe Anbieter verwendet eine andere Methode, die gewöhnlich sehr intransparent ist, und kommt folglich zu eigenen Schlussfolgerungen, wie die nachstehende Grafik zeigt (AAA bis CCC sind die unterschiedlichen Einstufungen für Unternehmen, wobei AAA dem höchsten Rating entspricht).
  2. Diese externen Bewertungssysteme können sich lediglich auf offengelegte Kennzahlen und Richtlinien berufen, da sie auf ein breites Spektrum von Unternehmen angewandt werden müssen. Ein Großteil der endgültigen Bewertung hängt davon ab, ob ein Unternehmen bestimmte Richtlinien oder Ziele aufweist, unabhängig davon, wie gut diese umgesetzt oder realisiert werden. Dadurch werden zwangsläufig Offenlegungen zu Nachhaltigkeit anstelle eines echten diesbezüglichen Engagements belohnt. Diese Struktur verschafft in der Regel großen Unternehmen einen Vorteil, vor allem solchen aus Europa, da diese eher Ressourcen für Nachhaltigkeitsberichte aufwenden und aus rechtlicher Sicht dazu verpflichtet sind, bestimmte Unternehmensrichtlinien einzuführen.

Worin besteht stattdessen unser Ansatz? Einführung des SQ-Rahmens

Angesichts der oben beschriebenen Beschränkungen haben wir mit SQ unseren eigenen Rahmen geschaffen, um Nachhaltigkeit auf ganzheitlichere und unverhohlen qualitative Weise zu bewerten.

Dieser Rahmen erstreckt sich auf 20 Fragen rund um vier breite Eckpfeiler:

  • Respekt für die Umwelt. Hier beschäftigen wir uns mit den Auswirkungen des Unternehmens nicht nur in Bezug auf seine Produkte, sondern auch auf seine Geschäftstätigkeit – d. h., wie das Unternehmen diese Produkte herstellt, seine Anlagen betreibt usw. Wir untersuchen, ob die Lieferanten hohe Umweltstandards einhalten, sodass ein Unternehmen nicht den Anschein der Nachhaltigkeit erwecken kann, indem es einfach all seine schmutzige Arbeit auslagert. Außerdem berücksichtigen wir etwaige ökologische Kontroversen, in die ein Unternehmen bereits verwickelt war.
  • Fairer und gerechter Umgang mit Beschäftigten, Zulieferern und Kunden. Hier geht es um Fragen rund um die Bezahlung, Arbeitsbedingungen, Diskriminierung und Sicherheit. Bei den Lieferanten halten wir neben einer guten Visibilität und hohen Menschenrechtsstandards entlang der gesamten Lieferkette nach Hinweisen auf ein konstruktives Verhältnis Ausschau. Und bei den Kunden sind die Produktsicherheit und das Preis-Leistungs-Verhältnis wesentliche Gesichtspunkte, ebenso wie die Nutzung und der Schutz von Kundendaten.
  • Gute Corporate Citizens. Wir bewerten die Vor- und Nachteile für die Gesellschaft im weiteren Sinne, die sich aus den Aktivitäten des Unternehmens ergeben, sowie die Beziehungen zu Aufsichtsbehörden und zur lokalen Gemeinschaft und, ob ein angemessener Anteil an Steuern entrichtet wird. Wir nutzen SustainEx, ein internes Instrument von Schroders, um diesen Aspekt zu quantifizieren.
  • Umsichtige Kapitalallokation. Dies betrifft Aspekte wie Aktionärsrenditen, Standards der Corporate Governance und Transparenz.

Der Zweck, den Bewertungsrahmen mittels offener Fragen abzustecken, besteht darin, uns von einer einfachen Pflichtübung zu befreien. Denn hier geht es um komplexe Themen, die es erfordern, dass wir eine Vielzahl von Ressourcen heranziehen und direkt mit Unternehmen zusammenarbeiten. Wir möchten der Frage, wie ein Unternehmen geleitet wird, genau auf den Grund gehen. Nur so lässt sich vor einer Anlage ein Verständnis der Unternehmenskultur und der Beziehungen zu den Interessengruppen gewinnen.

SQ in der Praxis – hohe Messlatte für eine Inklusion

Mittels des SQ-Rahmens können wir Themen identifizieren und der Analyse verschiedene Dimensionen abgewinnen, wie dies in den Berichten von Drittanbietern unter Umständen nicht möglich ist. Wir haben es häufig mit Unternehmen zu tun, bei denen wir grundsätzlich mit den Bewertungen externer Anbieter nicht einverstanden sind.

So achtet unsere vorausschauende Analyse unter Umständen auf die Tatsache, dass sich in einem Unternehmen seit einer historischen Kontroverse etwas grundlegend geändert hat, damit verhindert wird, dass sich so etwas wiederholt. Oder unser Einsatz unkonventioneller Daten und unsere direkte Zusammenarbeit mit dem Unternehmen hat uns möglicherweise Einblicke verschafft, die über das hinausgehen, was in der offiziellen Berichterstattung offengelegt wird – insbesondere bei kleineren Unternehmen oder solchen, die in Schwellenländern börsennotiert sind.

Offensichtlich ist kein Unternehmen perfekt, und unser SQ-Rahmen hilft uns außerdem dabei, Bereiche von relativer Schwäche zu identifizieren, bei denen wir auf ein Unternehmen einwirken können, um zu versuchen, sein Verhalten oder seine Vorgehensweise künftig zu verbessern.

Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters

Wie die vorstehenden Beispiele zeigen, sind Bewertungen bezüglich der Nachhaltigkeit subjektiver Art. Es gibt keine „absolute Wahrheit“, die sich offenbart, wenn man nur genug Daten heranzieht.

Mit unserem SQ-Rahmen stellen wir aber immer die gleichen 20 Fragen für jedes Unternehmen, unabhängig von seiner Branche oder Region. Dadurch bleibt unser Ansatz beständig. Wir sind uns jedoch bewusst, dass für ein betreffendes Unternehmen bestimmte Fragen in Bezug die künftige Nachhaltigkeit wichtiger sind als andere.

Untersuchen wir zum Beispiel eine Bank, so werden wir der Bewertung ihres Kundenbeziehungsmanagements, ihrer umsichtigen Kapitalallokation und ihrer Zusammenarbeit mit Aufsichtsbehörde mehr Aufmerksamkeit widmen als ihrem (bescheidenen) ökologischen Fußabdruck. Bei einem Nahrungsmittelproduzenten hingegen sind der Ressourcenverbrauch und das Beschaffungswesen von größter Bedeutung.

Dennoch sind auch die Antworten auf scheinbar weniger relevante Fragen für jeden Kandidaten von Wert, da sie darauf schließen lassen, wie ernst das Unternehmen die Nachhaltigkeit über die gesamte Organisation hinweg nimmt.

Letztendlich versuchen wir zu beurteilen, wie sich die Steuerung der Beziehungen eines Unternehmens zu den Interessengruppen auf seine Aussichten für künftiges Wachstum und die Ertragslage auswirken könnte. Der SQ-Rahmen bietet uns das dafür notwendige Seehilfsmittel. Sich auf Dritte zu verlassen, wäre so, als ob wir die Brille eines anderen trügen – wir würden nur verschwommen sehen.


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von dem Autor und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.