Perspektiven

Wie sich ESG-Kontroversen in Unternehmen auf die Wertentwicklung auswirken


Wir haben unser Konzept des „Unternehmenskarmas“ schon oft diskutiert – wie Unternehmen ihre Stakeholder behandeln, kommt früher oder später auf sie zurück.

Wir schreiben schon seit Beginn der Pandemie über unsere Ansicht, dass gegenwärtig ein neuer Gesellschaftsvertrag entsteht, insbesondere im Hinblick darauf, wie Arbeitgeber ihre Mitarbeitenden behandeln. Wir haben auch bereits gezeigt, dass es für Unternehmen durchaus möglich sein kann, die Bedürfnisse aller ihrer Stakeholder unter einen Hut zu bringen.

Wir haben auch untersucht, inwieweit Unternehmen ihre Stakeholder unterstützen. Vor allem aber wollen wir zeigen, wie wichtig das Unternehmenskarma für Ihre Anlagerenditen ist.

In Unternehmen, die ihre Stakeholder unterstützen, kommt es seltener zu Kontroversen wie Kundenboykotte, Streiks und Arbeitsniederlegungen, Rechtsstreitigkeiten, Regulierungen, Umwelt- oder Arbeitsunfälle. Das geht mit einem geringeren Risikoprofil für Ihr Portfolio einher.

Wo wird das belegt?

Kontroversen sind empirisch schwer zu untersuchen, da schlagzeilenträchtige Episoden wie VWs „Dieselgate“ oder BooHoos moderner Sklaverei-Skandal 2020 glücklicherweise ziemlich selten sind.

Aber eine neue Analyse der University of Virginia[1] hat jetzt neue Daten zusammengetragen. Untersucht wurden kleinere ESG-Vorfälle wie Umweltschäden, Diskriminierung, Arbeitsgesundheit und Sicherheitsvorfälle, angespannte Beziehungen zu lokalen Gemeinschaften und wettbewerbswidrige Praktiken. Zwischen 2007 und 2017 kam es zu bis zu 80.000 solcher Vorfälle bei börsennotierten US-Unternehmen.

Die Studie konnte einen klaren Zusammenhang zwischen der Anzahl vergangener Vorfälle und der zukünftigen Finanz- und Aktienperformance nachweisen.

Ein Portfolio von Aktien mit vielen ESG-Vorfällen (Umwelt, Soziales, Governance) wies niedrigere Gewinne auf und blieb um etwa 3,5 % pro Jahr hinter dem breiteren Markt zurück – und dies selbst bei Berücksichtigung des Sektorengagements und anderer Risikofaktoren.

Das Modell galt auch für Out-of-Sample-Daten zu europäischen Märkten, wo ein ähnliches Portfolio pro Jahr um 2,5 % schlechter abgeschnitten hätte.

Warum führen Kontroversen zu einer Underperformance?

Selbst relativ unbedeutende Vorfälle können auf mangelnde interne Kontrollen oder Probleme mit der Unternehmenskultur hinweisen. Daher kann bei diesen Unternehmen in Zukunft mit weiteren derartigen Vorfällen gerechnet werden.

Kontroversen können nicht vorhergesagt werden. Daher neigen Analysten dazu, die nachhaltige Ertragskraft von „vorfallgefährdeten“ Unternehmen zu überschätzen. Dies führt zu negativen Gewinnkorrekturen und einer daraus resultierenden Underperformance.

Ferner tendieren Analysten dazu, kleinere Zwischenfälle zu übersehen, weil sie sich eher auf die grossen Vorfälle konzentrieren.

Ein Beispiel ist BP. Der Ölkonzern büsste aufgrund des Blow-outs von Deepwater Horizon im Jahr 2010 zwischen April und Ende Juni 50 % des Unternehmenswerts ein, blickt aber auch auf eine lange Geschichte von Umwelt- und Sicherheitsvorfällen zurück. Diese hatten vor Deepwater Horizon keinen wesentlichen Einfluss auf den Aktienkurs.

Auch kleine Zwischenfälle können im Laufe der Zeit den Ruf eines Unternehmens und das Vertrauen seiner Kunden, Mitarbeitenden und Investoren untergraben.

Die Märkte sind bei der Einpreisung von ESG-Faktoren ineffizient

Trotz des gestiegenen Interesses an nachhaltigen Anlagen preisen die Finanzmärkte ESG-Informationen nicht richtig ein, insbesondere wenn keine klaren Auswirkungen auf kurzfristige Erträge erkennbar sind. Der Autor der Studie führt dies auf die „Theorie der begrenzten Aufmerksamkeit“ zurück, der zufolge es Anlegern leichter fällt, hervorspringende, leicht verarbeitbare Informationen aufzunehmen.

Darüber hinaus stellt der Autor eine viel stärkere Beziehung zwischen den Vorfalldaten und der Wertentwicklung fest als die ESG-Ratings von Drittanbietern, die Hunderte von Datenpunkten zu einer einzelnen Punktzahl oder Note zusammenfassen.

Dies zeigt, dass sich Hausaufgaben lohnen. Wir müssen identifizieren, welche historischen Daten und Vorfälle uns Aufschluss über die Unternehmenskultur oder die Kontrollen eines Unternehmens geben können, anstatt nur Zahlen in einen Algorithmus einzuspeisen.

Aktien mit einem höheren Anteil an kurzfristig orientierten Anlegern verzeichneten die stärkste negative Reaktion auf Vorfälle, vermutlich weil diese Anleger weniger auf die Auswirkungen der ESG-Erfolgsbilanz eines Unternehmens auf seine langfristige Ertragskraft fokussiert waren. Langfristig orientierte Anleger scheinen zukünftige Kontroversen besser zu antizipieren und stossen risikoreiche Aktien ab.

Wie können sich Anleger diese Informationen zunutze machen?

Dies verrät uns, dass wir uns bei der Beurteilung kleinerer oder grösserer Kontroversen auf die eigentliche Ursache und nicht auf die unmittelbare Ursache konzentrieren sollten.

Zum Beispiel sind die Details eines Produktrückrufs weniger wichtig. Wichtig ist die Frage, ob dieser Vorfall auf eine Kultur des Wachstums zulasten der Qualitätskontrolle hindeutet.

Im Anschluss an eine Kontroverse sollten wir Unternehmen dazu auffordern, zu zeigen, was getan wurde, um weitere Vorfälle zu verhindern. Unternehmen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Und wir glauben, dass Unternehmen, die als „Verbesserer“ eingestuft werden, bei der Zusammenstellung eines Portfolios unter sonst gleichen Bedingungen geringer gewichtet werden sollten, um ihr höheres Risikoprofil und die grössere Unsicherheit hinsichtlich der langfristigen Ertragskraft widerzuspiegeln.

 

Dieser Artikel wurde im Juni 2021 veröffentlicht. Alle Bezugnahmen auf Unternehmen dienen nur zur Veranschaulichung und sind weder als Kauf- noch als Verkaufsempfehlung oder als Meinung zum Wert der Aktien dieses Unternehmens zu verstehen.

Dieser Artikel ist nicht als Anlageempfehlung oder Research gedacht und sollte nicht für diese Zwecke genutzt werden.

 

[1] ESG Incidents and Shareholder Value, Simon Glossner, University of Virginia – Darden School of Business, 17. Februar 2021

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