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Klimadisruption: die neue Normalität


Marc Hassler

Marc Hassler

Analyst für nachhaltige Anlagen

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Die Welt scheint den Kampf gegen den Klimawandel zu verlieren. Volkswirtschaften und Finanzmärkte vermitteln zunehmend den Eindruck, der mit den höheren weltweiten Temperaturen einhergehenden Disruption völlig unvorbereitet gegenüberzustehen. Und die politischen Maßnahmen für die Begrenzung des Temperaturanstiegs erscheinen für diesen Zweck noch ungeeignet.

Wir glauben, dass wir 2020 und darüber hinaus der neuen Normalität, nämlich der Klimadisruption, ins Auge blicken müssen. Sie wird eine grundlegende Restrukturierung auf gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und der Ebene von Unternehmen auslösen. Dies macht den Klimawandel für Anleger auf der ganzen Welt zu einem brisanten Thema.

Vergangenheit und Gegenwart: ein bewegtes Klima-Jahr

2019 war ein Jahr der Rekorde: Rekord-Temperaturen, Rekord-Klimaproteste und Rekord-Wahlergebnisse sowie rekordhohe Kohlenstoffpreise – um nur einige Ereignisse zu nennen. Das Jahr war geprägt von hochrangigen Konferenzen, wie dem UN-Klimasondergipfel in New York und der 25. UN-Klimakonferenz (COP25) im Dezember 2019 in Madrid. Die Dringlichkeit der Gipfeltreffen wurde durch die Veröffentlichung zahlreicher wissenschaftlicher Studien untermauert, darunter zwei Berichte des Weltklimarats (IPCC) zum Klimawandel und den Bodenverhältnissen sowie zu den Ozeanen und der Kryosphäre.

Temperaturveränderungen seit 1850 (°C)

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Quelle: Weltklimarat (IPCC).

All die vorstehenden Fakten weisen auf eine bevorstehende Disruption hin. Nahezu 200 Länder verpflichteten sich im Rahmen des Pariser Abkommens von 2015 dazu, den Anstieg der globalen durchschnittlichen Oberflächentemperatur auf unter 2 Grad Celsius zu begrenzen. Doch sind die Temperaturen bereits um 1 Grad Celsius (Überlandtemperatur sogar um 1,5 Grad Celsius, siehe obige Grafik) angestiegen, und die aktuellen atmosphärischen Niveaus der Treibhausgase weisen auf eine zusätzliche Erhöhung um 0,5 Grad Celsius in den nächsten Jahren hin. Die Zeit wird knapp, und der Druck steigt und fordert ein radikales Klimaschutzprogramm.

2020 und darüber hinaus: wappnen für Disruption

Den Blick auf die Zukunft gerichtet sind bedeutende Veränderungen unabwendbar. Das Pariser Abkommen tritt 2020 in Kraft, und jeder Unterzeichnerstaat ist aufgefordert, die eigenen Emissionsziele vorzulegen und danach alle fünf Jahre neue Ziele zu formulieren. Preismechanismen für CO2, wie Emissionshandelssysteme und Grenzsteuern, werden bereits eingeführt oder sind wichtige Regulierungsthemen.

In ihrer Rolle als Präsidentin der Europäischen Kommission beabsichtigt Ursula von der Leyen mit dem „Green New Deal“, Kohlenstoffgrenzsteuern für umweltschädliche Unternehmen aus Drittstaaten einzuführen, um die EU-Unternehmen, die für den Klimaschutz umrüsten, zu schützen. Chinas Emissionshandelssystem soll 2020 in Kraft treten. Und der Green New Deal, der zuerst in den USA vorgeschlagen wurde, gewinnt an Bedeutung. 

Technologien werden kosteneffektiver. Damit wandelt sich der Vorreiter-Nachteil, der lange mit Maßnahmen zum Klimaschutz verbunden war, jetzt zum Vorreiter-Vorteil. Die Länder beginnen damit, das regulatorische Umfeld und die Infrastruktur zu schaffen, welche die Branchen der Zukunft benötigen, um sich behaupten zu können und in einer kohlenstoffarmen Welt zu wachsen.

Dabei geht es um mehr als die Erzeugung erneuerbarer Energien. Auch andere Branchen und Bereiche sind gemeint, insbesondere Landwirtschaft und Umweltressourcen, nachhaltiges Verkehrswesen, Energiespeicherung und -verteilung, umweltfreundliche Bautechnologien und die Dekarbonisierung von Sektoren wie Stahl, Zement und Aluminium.

Als Klimainvestoren glauben wir, dass diese Trends eine enorme Chance für Unternehmen darstellen, die die Produkte und Dienstleistungen anbieten, die aufgrund des weltweiten Umstiegs auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft benötigt werden. Jedoch birgt der Klimawandel für viele Unternehmen auch Risiken, so dass die Titelauswahl nun immer entscheidender wird.

 


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von dem Autor und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.