5 Min | Perspektiven

Ausblick 2020

Ausblick 2020: Internationale Aktien


Alex Tedder

Alex Tedder

Head and CIO of Global and US Equities

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  • Das Geschehen wird nach wie vor von politischen Spannungen bestimmt, darunter der Handelskrieg zwischen den USA und China und der Brexit. Gleichzeitig untergräbt die schlechte Stimmung die globalen Kapitalausgaben und das weltweite Wachstum.
  • Es ist ein überdurchschnittlich hohes Gefälle zwischen den Sektoren festzustellen: auf der einen Seite jene Sektoren, die als sicher und stabil gelten (beispielsweise Versorger, Immobilien und Basiskonsumgüter), und auf der anderen Seite Sektoren, die auf den globalen Handel angewiesen sind. In unbeliebten Branchen wie dem Industriesektor sind die Gewinnerwartungen niedrig. Somit ist Spielraum für positive Überraschungen vorhanden.
  • In Anbetracht dieser Marktturbulenzen sind wir der Ansicht, dass globale Themen wie der Klimawandel, die Energiewende, Nachhaltigkeit, Disruption und eine innovative Gesundheitsversorgung eine immer wichtigere Rolle spielen werden.

Das globale Wachstum hat sich im Jahr 2019 abgeschwächt. Diese Entwicklung dürfte sich aufgrund der anhaltenden Handelskriege und politischen Turbulenzen auch im neuen Jahr fortsetzen. In vielen Ländern weltweit haben sich die Wirtschaftsdaten deutlich verschlechtert. Die größten Einbrüche waren wohl bei den Einkaufsmanagerindizes (EMI) zu verzeichnen, die auf Umfragedaten aus dem verarbeitenden Gewerbe und dem Dienstleistungssektor basieren.

Der anhaltende Handelskrieg zwischen den USA und China schwächt das Geschäftsklima und trübt die Anlegerstimmung, und die hiermit verbundene Unsicherheit erfasst allmählich auch die Märkte anderer Länder. Die chinesische Volkswirtschaft, die auf dem „Command and Control“-Prinzip basiert, hat auf den Handelskonflikt schneller reagiert als die marktorientierten  USA, indem sie US-Importe drastisch reduziert hat. Auch wenn der US-Exportsektor im Verhältnis zur Binnenwirtschaft des Landes nicht so groß ist, sind die Unternehmensinvestitionen daraufhin zurückgegangen. Diese Entwicklung dürfte sich auch im Jahr 2020 fortsetzen und in Volkswirtschaften, die stärker auf den globalen Handel angewiesen sind, wie Deutschland und Japan, besonders ausgeprägt sein.  

Kaum Spielraum für Zinssenkungen – außer in den USA

Obwohl die USA 2019 drei Zinssenkungen vorgenommen haben, gehört das Land zu den wenigen Industrienationen, in denen noch Spielraum für weitere Zinsschritte vorhanden ist. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Maßnahmen auf das Wachstum auswirken werden. In vielen Regionen der Welt sind die Zinsen bereits in den negativen Bereich gerutscht (beispielsweise in Japan, der Eurozone und in der Schweiz). Schwellenländer wie Russland, Brasilien, Indien und China haben den größten Spielraum für Zinssenkungen, denn die Zinsen sind in diesen Ländern immer noch relativ hoch.

Eine Reihe von Ländern verfügt über die notwendigen Steuereinnahmen, um die Ausgaben zu erhöhen und das Wachstum anzukurbeln. In Südkorea, Deutschland und den Niederlanden ist beträchtlicher Spielraum für Ausgaben vorhanden. Gleichwohl stehen sie Ausgaben zögerlich gegenüber oder ihre Staatsausgaben unterliegen verfassungsrechtlichen Grenzen. Wahrscheinlicher ist es, dass Länder einen Gang zulegen und ihre Budgets ausweiten, die zuletzt sehr gespart haben (Spanien, Griechenland, Italien, Großbritannien) oder einen Regierungswechsel hatten (Brasilien, Mexiko, einzelne Länder Osteuropas).

Der Schwerpunkt des Marktes verlagert sich allmählich

In der Marktstimmung spiegelt sich bereits zu weiten Teilen der trübe makroökonomische Ausblick wider, und die Gewinnschätzungen für 2019 sind insgesamt deutlich eingebrochen. Die Gewinne in den USA sind im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 4 % zurückgegangen und haben dennoch die Erwartungen übertroffen – vor allem, wenn man zyklische Sektoren wie Energie ausschließt. Die gesamtwirtschaftlichen Veränderungen belasten vor allem zyklische Aktien. Trotz der allgemeinen Unsicherheit haben die Märkte weiterhin relativ gut abgeschnitten. Dies lässt sich vermutlich damit erklären, dass die erwartete Rendite niedrig ist und die Bewertungen im historischen Kontext insgesamt nicht überzogen sind.

Kurzfristig dürfte die Wirtschaftsdynamik in den USA ihre Stärke beibehalten. Doch mit dem neuen Jahr entsteht ein Umfeld für einen allmählichen Abschwung. Dazu gehörende Faktoren wie begrenzte Kapazitäten (die Menge an produzierbaren Gütern ist hauptsächlich aufgrund der Vollbeschäftigung begrenzt), höhere Produktionskosten und aufgeschobene Investitionsentscheidungen. Bei einem Regierungswechsel würden sich diese Bedingungen verschärfen, denn wenn bei den Wahlen im Herbst die Demokraten als Sieger hervorgehen, könnte dies beträchtliche Auswirkungen auf verschiedene Bereiche wie etwa das Gesundheitswesen haben. Die Gewinnmargen in den USA bewegen sich nach wie vor auf Rekordniveaus (außer Energie) und dürften jetzt eher zurückgehen. Die Gewinnschätzungen für die USA scheinen insgesamt nach wie vor überzogen zu sein. So wird erwartet, dass die Unternehmen im S&P 500 im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 11 % verbuchen könnten.

In Volkswirtschaften, die sich bereits in einer Rezession befinden oder sich einer Rezession nähern (wie Deutschland, Japan, Großbritannien und Australien), fallen die Erwartungen verhaltener aus. In den meisten Ländern außerhalb der USA können wir keine Impulse für einen deutlichen Wachstumsaufschwung erkennen. Unbeliebte zyklische Unternehmen könnten nach einer langen Schwächephase wieder Anklang finden. Das gilt insbesondere für Unternehmen, die sich umstrukturieren und neu positionieren, um die Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts zu bewältigen.   

Globale Themen eröffnen langfristige Anlagechancen

Da die Weltwirtschaft mit einem hohen Maß an Unsicherheit behaftet ist, sind zahlreiche makroökonomische Folgen denkbar. Nach einem Jahrzehnt, in dem die Gesamtrendite des S&P 500 bei 250 % lag (in US-Dollar) und sich die Kurse globaler Aktien mehr als verdoppelt haben, erscheint es angemessen, künftig von bescheideneren Aktienrenditen auszugehen. Vor diesem Hintergrund sind wir der Ansicht, dass es für die Anleger von Vorteil sein kann, wenn sie sich auf allgemeine, langfristige globale Themen konzentrieren, die beträchtliche Anlagechancen bieten und in vielen Fällen nicht mit traditionellen Aktienindizes korrelieren.

Beispielsweise rückt der globale Temperaturanstieg immer stärker ins Bewusstsein von Politikern und Bevölkerung. Gleichwohl wird die finanzielle Tragweite des Klimawandels nach wie vor massiv unterschätzt. Um die Erderwärmung auf das 2-Grad-Limit zu begrenzen, das vom Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) als „sicher“ eingestuft wird, müssen die Ausgaben für die Verringerung von Treibhausgasen in den nächsten zehn Jahren jährlich um mindestens 2 Bio. US-Dollar erhöht werden. Diese Kosten müssen von Regierungen, Verbrauchern und natürlich Unternehmen getragen werden.

Es gibt zahlreiche Unternehmen, die von einem Umstieg auf nachhaltigere Aktivitäten profitieren werden. Die Energiewende ist bereits im vollen Gange, auch wenn die Unterstützung vieler Regierungen, einschließlich der USA, eher lau ausfällt. Glücklicherweise überwiegt nach wie vor die ökonomische Vernunft, und da die Wind- und Solarkraft im Vergleich zu traditionellen Energiequellen (siehe nachfolgende Grafik) überwältigende Kostenvorteile bietet, verzeichnen viele Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Energien einen massiven Aufschwung.

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Die Zukunft ist elektrisch

In der Automobilindustrie ergibt sich ein ähnliches Bild. So dürfte der Absatz von Elektrofahrzeugen in den nächsten Jahren enorm zunehmen, denn in vielen Ländern werden günstigere regulatorische Rahmenbedingungen geschaffen (beispielsweise dürfen in Norwegen ab 2025 keine neuen Kraftfahrzeuge mit Verbrennungsmotoren verkauft werden). Die Nachfrage wird letztendlich aber von der Attraktivität der Produkte selbst bestimmt.  Im Zuge der Verbesserung dieser Produkte dürften die Verbraucher genauso problemlos auf Elektroautos umsteigen wie auf E-Mails, Mobiltelefone oder Online-Shopping.

Der Klimawandel ist nur eines von mehreren großen Themenbereichen, die allgegenwärtig sind und mit denen wir uns alle identifizieren können. Weitere Themen sind Nachhaltigkeit, technologische Innovationen, Automatisierung, Urbanisierung und die demografische Entwicklung. Bei all diesen Themen handelt es sich um „unvermeidliche Wahrheiten“, die in vielen Fällen schon lange bekannt sind. In einer Welt, in der die Disruption allgegenwärtig ist, gewinnen diese Themen jedoch zunehmend an Schlagkraft. Es erscheint sinnvoll, wenn die Anleger zumindest einige ihrer Anlagen aus traditionellen Strategien, die auf der Marktkapitalisierung basieren, abziehen und in jene Bereiche umschichten würden, die voraussichtlich ein strukturelles Wachstum durchlaufen werden. In diesem Zusammenhang haben themenspezifische Investments einen höheren Reifegrad erlangt.

 


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von dem Autor bzw. den Autoren und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.