4 Min | Perspektiven

Zu spät für Substanzwerte?

In den vergangenen sechs Monaten hat sich die Anlage in Substanzwerten wieder erfolgreich durchgesetzt und Value-Manager konnten erleichtert aufatmen.

Nach der erfolgreichen Ankündigung des Corona-Impfstoffes von Pfizer Anfang November entwickelten sich bisher nicht favorisierte Sektoren der Marktrallye recht kräftig. Dazu gehörten Banken, Energie- und Automobilfirmen sowie Unternehmen aus der Werbebranche.

Die jüngste überdurchschnittliche Wertentwicklung von Substanzwerten ist ein Zittern und kein Erdbeben

Es ist wichtig, sich nicht zu sehr auf kurzfristige prozentuale Kursbewegungen zu konzentrieren. Betrachtet man das Gesamtbild mit Abstand, lässt sich feststellen, dass viele Aktien nach wie vor spürbar unterbewertet sind.

Aus der nachstehenden Grafik wird die Bewertungsstreuung des Marktes ersichtlich. Die Diskrepanz zwischen den guten und den weniger guten Titeln weltweit ist weiterhin gravierend.

Am Ende der Grafik ist die letzte Wertentwicklung kaum zu erkennen. 

Die Kursentwicklung der vergangenen Monate mag auf den ersten Blick dramatisch aussehen. Es handelt sich jedoch eher um ein Zittern als ein Erdbeben, was die Performance angeht. Wenn sich diese Diskrepanz der Marktbewertungen langfristig betrachtet wieder normalisieren sollte, haben wir noch einen langen Weg vor uns.

Dennoch ist Vorsicht geboten.

In den vergangenen beiden Jahren haben wir ein absonderliches Marktgeschehen beobachtet, das gewöhnlich zum Höhepunkt von Marktzyklen auftritt. Hierbei handelt es sich in der Tat um die gleiche Marktlage, die auch den Höhepunkt der Dotcom-Blase 1999/2000 kennzeichnete.

Die Parallelen der Marktentwicklung des Zeitraums, als die Hausse außer Kontrolle geriet, und der heutigen Marktlage werden unserer Meinung nach immer deutlicher.

Entkräftung der Aussage: „Dieses Mal ist alles anders.“

Viele sind da anderer Meinung. Sie sind der Auffassung, dass Unternehmen wirklich hohe Bewertungen erzielten, weil es tatsächlich außergewöhnliche Unternehmen mit soliden Fundamentaldaten sind, die die Welt verändern.

Anders ausgedrückt: Ihre spektakulären Bewertungen sind gerechtfertigt und dies ist einfach eine neue Realität. 

Unsere Antwort beruht auf zwei Feststellungen:

1) 2000 vertraten die Anleger die gleiche Meinung! Bei den vier größten Spitzenunternehmen im IT-Bereich auf dem Höhepunkt der Hausse handelte es sich um Microsoft, Intel, IBM und Cisco. Dabei handelte es wirklich um qualitativ hochwertige Unternehmen, die außergewöhnliches Gewinnwachstum und hohe, attraktive Renditen erzielten.

Sie zählten zu den hervorragenden Unternehmen, aber sie waren ebenso eine schreckliche Geldanlage, wenn sie zum falschen Preis erworben wurden. In den folgenden drei Jahren brachen ihre Kurse vom Höhepunkt der Dotcom-Blase um durchschnittlich 60 % ein. Nur weil diese Tech-Riesen groß und innovativ sind und heute schnell wachsen, bedeutet das längst nicht, dass Anleger mit ihnen kein Geld mehr verlieren können.

2) Selbst wenn man die spezielle Wirkung der großen Tech-Gewinner auf dem Höhepunkt der Marktindizes ausschließt, bewegt sich die Bewertungsstreuung nach wie vor weit über dem historisch normalen Niveau.

Die folgenden beiden Grafiken veranschaulichen, dass sich ein ähnliches Bild abzeichnet, wenn man entweder die obersten 5 % der Megacaps oder die teuersten 10 % des Universums ausschließt: Der Unterschied zwischen den beliebtesten und unbeliebtesten Marktbereichen bleibt historisch betrachtet groß.

Daraus leiten wir ab, dass sich der Trend der vergangenen Jahre angesichts einer Handvoll außergewöhnlich wertvoller Unternehmen nicht einfach mit rationalem Marktgeschehen erklären lässt.

Nach unserer Einschätzung sieht es erneut so aus, als ob der Markt die Bedeutung der fundamentalen Bewertung aufgegeben hat.

Was passierte beim letzten Mal, als die Kurse in den Keller fielen?

Und wenn wir doch recht haben und wir eine unheimlich ähnliche Marktlage vor uns haben wie 1999/2000?

Was passierte, als die Kurse in den Keller fielen und man nüchtern das spekulative Wachstum betrachtete?

Der Bullenmarkt im März 2000 wandelte sich zu einer schmerzhaften, langwierigen Börsenbaisse der weltweiten Aktienindizes. Selbst fünf Jahre danach lag der MSCI World Index in absoluten Zahlen immer noch unter dem Höchststand, wie die roten Balken unten zeigen.

In diesem Zeitraum lieferten globale Substanzwerte eine kräftige absolute und relative Performance, wie die grünen Balken zeigen.

Viele Value-Anleger, die die in den Jahren vor dem Höhepunkt des Markts am stärksten überbewerteten Titel systematisch mieden, wurden von der Anlegergemeinschaft gescholten und verspottet.

Doch mit der Zeit stellte sich heraus, dass die billigsten Marktbereiche, die besten waren.

An dieser Stelle lohnt es sich, hervorzuheben, dass der Value-Stil am Ende der Hausse oft unterdurchschnittlich abschneidet. Populäre Marktbereiche steigen und Value-Anleger bleiben oft auf der Strecke.

Aber wenn die finanzielle Realität klar wird, schneiden Substanzwerte häufig recht gut ab. Fantastische konträre Anlagechancen eröffnen sich Anlegern, die in Zeiten des irrationalen Überschwangs der Märkte gegen den Strom schwimmen.

Wertschöpfung an unerwarteten Orten

Einige dieser konträren Anlagechancen finden sich in offensichtlichen Marktbereichen wie dem Banken- und Energiesektor.

Wir sind der Ansicht, dass Banken sehr attraktiv sind. Nicht nur weil sie über enorme Kapitalbestände verfügen, sondern auch, weil sie das Risiko ein Jahrzehnt lang abgebaut haben und Teil der Lösung sind. (Sie sind nicht mehr die Ursache, wie es in der globalen Finanzkrise der Fall war.)

Ein weiteres Aushängeschild bei den Substanzwerten sind Energieunternehmen. Sie zeigen endlich Kapitaldisziplin, konzentrieren sich auf Kosten und geben Kapital an die Aktionäre zurück. Im Zusammenhang mit dem Risiko steigender Ölpreise macht es sie zu einer überzeugenden Anlagechance.

Zudem konnten wir in Japan einige attraktive Anlagemöglichkeiten feststellen. In der Vergangenheit haben wir japanische Aktien gemieden, da viele von ihnen Wertfallen waren. Die von uns aktuell bevorzugten Titel haben überzeugende Bewertungen, ein relativ geringes Risiko und weisen historisch gesehen nur eine geringe Korrelation mit anderen von uns gehaltenen Aktien auf.

Und dann gibt es natürlich die Marktbereiche, die während der Pandemie heimgesucht wurden. Einige Qualitätsunternehmen wurden im Auge des Sturms zu Unrecht verkauft. So konnten wir außergewöhnliche Käufe von Titeln tätigen, deren Kurse im Zuge der weltweiten Konjunkturerholung nach der Pandemie voraussichtlich steigen werden.

Hier gibt es zwei Varietäten: Titel, die sich langsam aber stetig erholen, wie Lebensmitteleinzelhandel und Telekommunikation, sowie Aktien von Unternehmen, die eine schwierige Phase hinter sich haben und unmittelbar vor einer Kurserholung stehen.

Es ist nicht zu spät, um einzusteigen

Zweifelsohne gibt es für aktive Anleger im heutigen Markt viele Bereiche, die echte Substanzwerte versprechen, und es ist nicht zu spät, um einzusteigen.

Wir sind der Auffassung, dass Substanzwerte ob der aktuellen Bewertungsstreuung viel Aufwärtspotenzial besitzen und einen robusten Schutz vor einer spekulativen Aufblähung der Aktienkurse bieten.

Des Weiteren sind wir der Überzeugung, dass Substanzwerte in jedem Kundenportfolio einen langfristigen Platz haben sollten.


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von den Autor*innen und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Diese können sich ändern.